Deutschland: Kassel mit Kind – Särge, Schädel, Schimpfmaschine ← 4. Mai 2017

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Eine Reise mit Kind durch Kassels Park- und Museumslandschaften lohnt auch abseits der Documenta. Wo darf der Nachwuchs sonst so ungehemmt schimpfen und einen Sarg anfassen?

„Zahnschmerzen glaubte man im Mittelalter mit einem Sargnagel heilen zu können“, weiß Gerold Eppler, Kunstpädagoge im Museum für Sepulkralkultur in Kassel, und fügt hinzu: „Der Leidende musste mit dem Nagel in dem kaputten Zahn herum stochern.“ Eine andere Behandlungsvariante bestand darin mit den eigenen Zähnen die verbliebenen Zähne eines Totenschädels herauszubrechen. Und wer eine brennende Kerze, dessen Wachs aus Menschenfett stammt, in einen Totenschädel stellte, konnte die Lottozahlen vorhersehen. Tim, sieben Jahre alt, schaut den 57-jährigen ungläubig an. Stimmt das? Eppler nickt und grinst. „Da gibt’s unglaubliche Geschichten, die stehen alle im Handbuch des Aberglaubens.“ Tatsächlich weist der bemalte und mit dem Namen des Toten versehene Schädel keinen einzigen Zahn mehr auf.

Tim und Kunstpädagoge Gerold Eppler diskutieren im Museum für Sepulkralultur in Kassel vor den Särgen der Familie Stockhausen über Aberglauben aus dem Mittelalter. So wickelten die Hinterbliebenen damals zusätzlich Bänder um den noch offenen Sarg, in dem der Leichnam bereits lag. Sie glaubten mit dieser Methode eine Wiederauferstehung des Verblichenen zu verhindern.

Sepulkralkultur – der Zungenbrecher bezeichnet alles, was sich mit Tod und Begräbniskultur beschäftigt. Das in Deutschland einzigartige Museum hat sich zudem die Vermittlung der Toten- und Begräbniskultur an Kinder und Jugendliche zur Aufgabe gemacht. Kinder können dort sogar ihre Geburtstage feiern. Särge, Schädel und Kinder – wie passt das zusammen? Eppler: „Kinder interessieren sich brennend für den Tod, und aus pädagogischer Sicht spricht überhaupt nichts dagegen. Wir zeigen ja keine Horrorfilme, sondern klären altersgerecht auf.“ Zwischendurch streichelt Tim ein weinrotes Gebilde, das an einen Rennschlitten erinnert: Es ist ein Sarg des Designers Andreas Spiegel. 75 Minuten später ist die Führung zu Ende, es entstand keine Sekunde Langeweile. Epplers Erfolgsrezept: Wir Eltern waren nur die Nebendarsteller, im Mittelpunkt stand unser Sohn, mit dem sich der Pädagoge die ganze Zeit unterhielt und diskutierte.

Tim und Kunstpädagoge Gerold Eppler vor einem farbenprächtigen Sarg in Hahnenform aus Ghana

Der absolute Liebling der Grimmwelt heißt Ärschlein. Egal welche Kraftausdrücke Tim hinein ruft – das Ärschlein antwortet immer.

Eintauchen in die Welt der Gebrüder Grimm – digital und interaktiv

Ganz anders verläuft der Besuch in der Grimmwelt. Das erst 2015 eröffnete Museum, welches sich den Märchensammlungen der Gebrüder Grimm widmet, liegt gleich neben dem Museum für Sepulkralkultur und ist auf dem neusten Stand der interaktiven Ausstellungskunst. Hier braucht es keine Führung – Tim flitzt los und verschwindet hinter hohen, grünen Säulen, die mit einer Art grobem Plastikrasen ummantelt sind. Sie erinnern an die Walzen einer Autowaschanlage und sind eng gesetzt, so eng, dass es piekst. „Das ist die Dornenhecke aus Dornröschen, die muss schon etwas piesacken, sonst ist es ja keine“, klärt der Museumsaufseher auf und ergänzt: „Überall, wo ihr blaue Punkte seht, passiert was, wenn ihr euch drauf setzt oder steht.“ Gesagt getan. Als da wäre der Stuhl mit blauem Punkt im Haus der Großmutter aus Rotkäppchen. Ich setze mich rauf, Tim guckt von außen durchs Fenster rein und freut sich diebisch, als mich der Wolf aus dem Bett anspringt – rein virtuell, versteht sich. Als Liebling der Ausstellung entpuppt sich das „Ärschlein“, eine schwarzen Riesentröte, in der Tim wild Schimpfwörter hineinruft. „Du elender Bratzenratzer“ ruft er begeistert hinein. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Sackesel“ tönt es aus dem Rohr zurück.

Rodin lässt grüßen: Ein Podest lädt zum…na klar…Posen ein!

Bergpark, Karlsaue und Kletterzentrum

Nach so viel Sarg- und Sprachkultur braucht es eine geistige Auszeit. Die findet der Nachwuchs im Kletterzentrum Nordhessen, nicht weit vom Zentrum. Bouldern, also das ungesicherte Klettern in Sprunghöhe, ist angesagt. Anderthalb Stunden geht es auf diversen Parcours hoch und runter, auch Papa Michael versucht sich. So lässt sich das Kind auch bei schlechtem Wetter müde spielen. Bei schönem Wetter besteigen wir den Bergpark Wilhelmshöhe, seit 2013 Unesco-Weltkulturerbe. Besteigen deshalb, weil der Eingang des Parks auf etwa 280 Höhenmeter liegt, und die Herkulesstatue oben auf 515 thront. Gerade ältere Menschen unterschätzen die Steigung gerne, sodass diese regelrecht gerettet werden müssen. Da passt es doch, dass Kassel nach 19 Jahren Pause seit 2017 wieder eine eigene Bergwacht hat.

„Mama, da brennt’s!“ Ein bisschen Documenta bekommt der Nachwuchst im Vorbeigehen mit, denn der seit April qualmenden Zwehrenturm fasziniert auch junge Stadtbesucher. Der weiße Rauch soll an die Bücherverbrennung erinnern. Das Kunstwerk hat die Kassler Feuerwehr bereits ordentlich Nerven gekostet. Nur ein paar Meter entfernt werden Bücher, die einst verboten waren oder immer noch verboten sind, in einem eigens aufgebauten Stahlgerüst („Parthenon der Bücher“) in Plastik verschweißt angeheftet.

Die brauchen Tim und Papa Michael allerdings nicht. In 15 Minuten schaffen sie den Aufstieg von der Endhaltestation der Straßenbahnlinie 1 bis zur Löwenburg. Das Bauerwerk aus Tuffstein ist ein Geschenk des Kurfürsten Wilhelm I an sich selbst: sie sieht aus wie eine überdimensionierte Playmobil Ritterburg. Ganz Kind im Mann staffierte der Kurfürst die mittelalterlich aussehende Burg, tatsächlich wurde sie von 1793 bis 1801 gebaut, mit allerlei Schnickschnack aus, darunter eine Waffenkammer mit 400 originalen Rüstungsteilen sowie halb verfallenen Türmchen, die bereits als Ruine erbaut wurden. Dort verbrachte Wilhelm die Sommermonate mit seiner Mätresse Karoline von Schlotheim, einer wohl glücklichen Liaison, aus der 13 Kinder hervorgingen. Tim interessiert sich allerdings mehr für die schwarze Rüstung samt schwarzem Federpuschel auf dem Helm, die rechts vom Eingang

Die mittelalterlich anmutende Löwenburg erinnert tatsächlich an die Playmobil-Ritterburg. Sie war ein Geschenk des Kurfürsten Wilhelm I – an sich selbst.

steht. Wer den „Schwarzen Ritter“ berührt, soll nicht mehr lange auf Erden weilen. Weitere 30 Minuten später steht Tim mit Papa vor dem imposanten Herkules, der für seine 300 Jahre noch gut in Form ist. Hier oben liegt Kassel nicht nur zu Füßen, sondern es gibt im Café Herkules Terrassen hausgemachte Torten, Kuchen und Waffeln. Wer weiß – vielleicht kommen die mittelalterlichen Zahnheilmethoden bald doch noch zu ihrem Einsatz?

Allgemeine Informationen: www.kassel-marketing.de,  www.kassel.de, www.kassel-live.de/unternehmungen-mit-kindern-in-kassel

Unterkunft: Ruhige und schicke 50 qm Fewo für 3 P mit Kü, Bad, WLan ab 70 Euro pro Nacht (2017 wg. documenta 90 Euro), guter ÖV-Anschluss, 15 Minuten vom Zentrum entfernt, in der Nähe eines Naturschutzgebiets. Kontakt: Susanne Secherling mobil: 01713246574. Familienflatrate in der JH Kassel für 3 N/VP 290 Euro (max. 2 Erw. u. 3 Ki). Komfortabel: DZ/F ab 110 Euro im Schweizerhof. Wenn das Kind im Bett der Eltern schläft, kein Aufpreis.

Leckere Burger mit Pommes aus Süßkartoffeln serviert das Falada in der Grimmwelt

Essen + Trinken: Gute Burger, Salate und Suppen im „Falada“, dem Restaurant in der Grimmwelt. Rustikale Brauhaus-Kost serviert das Zum Rammelsberg. Biokost gibt’s im Weißenstein, Torten klassischer Art serviert das Café Nenninger.

Ausflugtipps: Museum für Sepulkralkultur (6 Euro Erw./ 4 Euro Kind / kindgerechte Führungen auf Anfrage) und Grimmwelt (8 Euro Erw./ 6 Euro Kind) liegen nebeneinander. Ebenfalls sehenswert ist das Naturkundemuseum Ottoneum (1,50 Euro Erw./ 1 Euro Kind) sowie ein Besuch des Planetariums samt astronomisch-physikalischem Kabinett (Vorstellung 6 Euro Erw./ 2 Euro Kind). Bouldern geht im Kletterzentrum Nordhessen (Tageskarte 10 Euro Erw./ 5 Euro Kind). Karlsaue und Bergpark kosten keinen Eintritt, es sei denn man möchte den Herkules erklimmen (3 Euro Erw./ Kinder frei).

Noch mehr tolle Reiseziele  für Familien wie Elbsandsteingebirge, Nordsee, Ostsee präsentiert Sabine, Bloggerin bei Reisespatz.

1 Kommentar

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  • Sabine - 21. Mai 2017 Antworten

    In Kassel waren wir leider noch nie. Interessant was es alles zu bieten hat. Vielen Dank dass du es in meinem Round up über die schönsten Reiseziele für Familien in Deutschland beigesteuert hast!
    Liebe Grüße,
    Sabine

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