Frankreich: Colmar mit Kindern entdeckt ← 24. April 2017

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Stadtreisen mit Kindern haben gewöhnlich einen hohen Frustrationsgrad: erst sind die Kinder genervt, weil alles langweilig ist. Dann sind auch die Eltern gestresst. Eine Stadt für alle ist Colmar.

Die „Hauptstadt der elsässischen Weine“, wie das Kleinod Colmar kurz hinter der Grenze zu Deutschland genannt wird, ist überschaubar und für Kinder wie eine überdimensionierte Puppenstube. In den hübschen Cafés locken kunterbunte Macarons und die für die Gegend typischen Gugelhupfe und durch das idyllische Krutenau-Viertel kann man sogar auf dem Wasser dahingondeln. Für Erwachsene gibt es nicht nur mittelalterliche Stadtstruktur zu entdecken, sondern auch eines der sehenswertesten Museen zumindest der Region: das Museum Unterlinden mit dem Isenheimer Altar.

Gondel-Liegeplatz auf der Lauch im Krutenau-Viertel. (alle Fotos: Nadine Kraft)

Die Krutenau, Kräuteraue, wird auch Klein-Venedig genannt, weil sie von der Lauch durchzogen ist.

Bevor wir uns zum Museum aufmachen, schlendern wir gemütlich durch die Stadt. Colmar besteht praktisch nur aus reich verzierten Fachwerkhäusern des Mittelalters und der Renaissance, die sich entlang der gepflasterten Gassen reihen. Der Fantasie wachsen hier Flügel: Fast meint man, prunkvoll gekleidete Kaufleute auf das Koïfhus, das älteste Gebäude der Stadt, zugehen zu sehen. In dem Prachtbau am Place de l’Ancienne Doaune wurden sowohl Steuern auf die gehandelten Waren eingezogen als auch die Versammlungen des Magistrats durchgeführt.

Das Pfisterhaus mit seiner opulenten Fassade gilt als erstes Renaissance-Gebäude Colmars.

Ebenso sehenswert ist das erste Renaissance-Gebäude der Stadt, das sogenannte Pfisterhaus in der Rue des Marchands. Auffälligste Stilelemente der Zeit sind der Eck-Erker, eine Holzgalerie und ein Türmchen verzierte Gebäude. Für die Kinder spannend zu entdecken waren die mehr als 100 verschiedenen Köpfe, mit denen die Fassade verziert ist. Das Haus wurde von einem reichen Hutmacher errichtet. 

Die Markthalle in Klein-Venedig.

Das Ziegelgebäude liegt direkt am Flüsschen Lauch.

Auf dem kurzen Spaziergang von der Innenstadt zum Viertel Krutenau, das wegen seiner Wasserlage auch Klein-Venedig genannt wird, passieren wir die Markthalle von 1865, die unbedingt einen Besuch wert ist. Jahrzehntelang zweckentfremdet – das Gebäude diente unter anderem als Parkhaus – ziehen erst seit wenigen Jahren wieder aromatische Gerüche von feinem Käse, geräuchertem Fisch und Fleisch und frischem Brot durch die Halle. Französische Küche in Rohform sozusagen.

Neben Klein-Venedig liegt das einstige Gerberviertel, das in seiner Struktur ebenfalls vollständig erhalten blieb und bis in die 1970er Jahre aufwändig renoviert wurde. Die Fachwerkhäuser sind weniger prachtvoll, dafür aber voller Leben. Hier wie überall in der Stadt schmücken sich Bäckereien und Restaurants an der Fassade mit Töpfen und allerlei Geschirr. In der Grand Rue habe ich eine ganz wunderbare Entdeckung gemacht: den Laden Avenue d’Alsace von Caroline Lux. Die von der Designerin entworfenen Muster zeigen Colmarer Motive wie Macaron, Gugelhupf und Fachwerkhaus. Bedruckt werden die Leinen- und Baumwollstoffe in der Nähe von Lion. In Colmar werden sie zu Kissenhüllen, Tischläufern, Schürzen, Kosmetiktäschchen oder Kinderkleidern verarbeitet.

Caroline Lux‘ Kreationen sind eine Liebeserklärung an ihre elsässische Heimat.

Wer jetzt langsam eine Fachwerk-Allergie bekommt, sollte sich zum Museum Unterlinden aufmachen. Zwar ist auch das Hauptgebäude des bereits im 19. Jahrhundert von der Schongauer-Gesellschaft eingerichteten Museums ein historischer Bau, nämlich die einstige Benediktinerinnen-Abtei. Doch hat das Haus gerade eine umfassende Modernisierung erlebt. Die Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron (die mit der Elbphilharmonie in Hamburg) haben neben die Klosteranlage einen Neubau gesetzt, der im Stil dem einstigen Wirtschaftshof der Nonnen nachempfunden ist. Das neue Ensemble ist zwar konsequent modern, passt sich aber gleichzeitig stilsicher an die historischen Vorgaben an. Im neu errichteten „Kleinen Haus“ werden nun Werke französischer Impressionisten wie Claude Monet gezeigt und im „Ackerhof“ Bilder der sogenannten „Zweiten Pariser Schule“. Der weltberühmte Isenheimer Altar von Matthias Grünewald aus dem frühen 16. Jahrhundert wird hingegen weiterhin in der einstigen Klosterkirche gezeigt. Dessen fantasievolle Bilderwelten zogen unsere Kinder derart in Bann, dass es uns Erwachsenen schon fast ein bisschen langweilig wurde.

Faszinierende Bilderwelten: Gebannt lauschen die Kinder den Erklärungen zu Grünewalds Altar auf dem Audioguide.

Das Museum Unterlinden besteht aus dem alten Klosterbau…

… und dem modernen Erweiterungsbau mit Kleinem Haus (vorn) und Ackerhof. Dazwischen lugt das einstige Stadtbad hervor, das ebenfalls zum Museum hinzugekommen ist.

 

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