Schweiz: Per E-Bike auf den Gotthard ← 15. Juli 2016

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Per Rennrad oder Mountainbike auf den Gotthard – das kennt jeder. Wer jedoch per E-Bike den Pass bezwingt, hat noch genügend Kondition um anschließend die ehemaligen Bunker im Gotthardmassiv zu bestaunen.

Am Hinterausgang des Fünf-Sterne-Luxushotels Chedi in Andermatt steht Leo Püntener, 43 Jahre alt und passionierter Radfahrer, mit zwei nagelneuen Mountain-E-Bikes. In seinem alten Leben ist Püntener Metallbaumeister. In seinem neuen ist er Radreise-Veranstalter und Hotelier der Sust Lodge. Radpuristen mögen über E-Bikes die Nase rümpfen, doch angesichts der 685 Höhenmeter bis zum Gotthardpass erscheint die elektrische Unterstützung für Normalsportliche ratsam. Wer hier angesichts der Steigung und dünneren Luft nur hechelt, verbrennt zwar mehr Kalorien, ist aber oben angekommen klatschnass geschwitzt und fix und fertig.

Blick auf Andermatt: Die Gemeinde liegt auf 1435 Meter und ist Startpunkt für eine Radtour auf den Gotthardpass

Blick auf Andermatt: Die Gemeinde im Kanton Uri liegt auf 1435 Meter und ist Startpunkt für eine Radtour auf den Gotthardpass

Zwei Frauen, eine sportliche 25-jährige und eine durchschnittlich fitte 45-jährige, begleiten Püntener auf der Tour. Rund zwei Stunden geht es über 12 Kilometer bergan, inklusive vieler Panoramastopps. Wer glaubt, er müsse nichts tun, der irrt. Selbst mit Pedelec, so eigentlich der korrekte Ausdruck für diese Form der Fortbewegung, haben Radler gut zu strampeln. Pedelecs unterstützen den Radler nämlich nur, wenn sie selbst treten. Besser als mit dem Auto zu fahren ist es allemal. Den Grad der elektrischen Unterstützung wählt jeder nach Bedarf und Tagesform. Der Vorteil: Ohne Hecheln lassen sich Landluft und Landschaft besser genießen.

Per E-Bike auf den Gotthardpass: Die alte Passstraße führt über Kopfsteinpflaster, der Schnee liegt noch aufgetürmt vom Schneepflug am Straßenrand

Per E-Bike auf den Gotthardpass im Juni: Die alte Passstraße führt über Kopfsteinpflaster, der Schnee liegt noch aufgetürmt vom Schneepflug am Straßenrand

 

Und die hat es bei der Tour in sich. Die Route führt zunächst ab

Toller Blick vom Gotthardpass auf das größte Straßenbaudenkmal der Schweiz - die Tremolaastraße mit ihren 24 Kurven

Toller Blick vom Gotthardpass auf das größte Straßenbaudenkmal der Schweiz – die Tremolaastraße mit ihren 24 Kurven

Andermatt über idyllische Feldwege und die Reuss bis nach Hospental, einer kleinen 200-Einwohner-Gemeinde, die an den alten Säumerpfaden liegt. Dann radelt die Gruppe auf der regulären Passstraße fast bis auf den auf 2106 Meter hoch gelegenen Gotthardpass. Die karge, baumlose Berglandschaft mit zahlreichen Stauseen ist wunderschön. Sie erinnert mit ihren verbliebenen Schneeresten an das Fell einer gefleckten Kuh. Ein kurzes Stück geht es noch über die alte kopfsteingepflasterte Passstraße, wo keine Autos fahren dürfen. Hier türmen sich selbst im Juni noch zwei Meter hoher Schneewände am Straßenrand auf. Oben angekommen, gibt es zur Belohnung einen fantastischen Blick auf das längste Straßenbaudenkmal der Schweiz: Die Tremolastraße. Die nur sechs bis sieben Meter breite Serpentinenstraße überwindet auf vier Kilometern 300 Höhenmeter, hat insgesamt 24 Haarnadelkurven und führt bereits seit 1832 von Airolo im Tessin über den Gotthardpass nach Göschenen im Kanton Uri.

Museum Sasso Gottardo im ehemaligen Reduit: Der Eingang zur Festung Sasso San Gottardo ist nicht barrierefrei

Museum Sasso Gottardo im ehemaligen Reduit: Der Eingang zur Festung Sasso San Gottardo ist nicht barrierefrei

Die E-Radler stärken sich im Restaurant Albergo San Gottardo mit Rösti, Spiegelei und Speck aus einer riesigen Pfanne. Und jetzt zahlt es sich aus, dass sich die Radler nicht verausgabt hat: Sie besichtigen mit der Festung Sasso da Pigna eine militärische Anlage, die sich innerhalb des Gotthardmassivs befindet und seit September 2012 öffentlich zugänglich ist. Spannend: Die Festung war früher Bestandteil des „Réduits national“, also der ab 1940 bis zum Kriegsende von der Schweiz verfolgten Strategie des Rückzugs in die Alpen. Der damalige Oberbefehlshaber General Guisan sah sich nach der Kapitulation Frankreichs umzingelt vom faschistischen Italien und von Nazi-Deutschland. Seine Idee: Wenn die strategisch wichtigen Alpenübergänge bereits vor einem Angriff besetzt sind, könnten sie im Notfall zerstört werden und würden damit nicht dem Feind in die Hände fallen.

Soweit kam es dann doch nicht. Seit 1998 gibt es in der Festung keine militärischen Übungen per, diese können nur noch per Video in der Ausstellung angeschaut werden. Wer Schweizer Militär live erleben will, der braucht aber einfach nur die richtige Aussicht im Luxushotel Chedi Andermatt, denn direkt gegenüber dem Hotel liegt ein Militärgelände. Statt Reduit sind die Urner Berge heute nur noch Refugium – für Luxusreisende und Radler aus aller Welt.

Infos über die Ferienregion Andermatt bietet Andermatt Urserntal Tourismus Inspiration für einen Schweizurlaub insgesamt bietet Schweiz Tourismus, auch telefonisch unter der kostenlosen Hotline 00800 100 200 30 (von D aus).

Bereits aus der Nähe kaum zu erkennen - das Artilleriefeuerwerk der Festung Sasso da Pigna, die man heute als Tourist besichtigen kann

Bereits aus der Nähe kaum zu erkennen – das Artilleriefeuerwerk der Festung Sasso da Pigna, die man heute als Tourist besichtigen kann

Unterkunft: edel im Chedi Andermatt direkt gegenüber des Bahnhofs. 3 Ü im DZ/F inkl. Spa, Minibar, WLan und einem 4-Gang-Menü und eine Behandlung pro Person ab etwa 1930 Euro. 2 Ü/F inkl. WLan in einfacher Unterkunft in der erst 2015 eröffneten Sust Lodge in Hospental ab etwa 160 Euro pro Person.

Geführte Ganz-Tages-Tour inkl. E-Bike-Miete ab 75 Euro pro Person über Bike und Event. Das Museum Sasso San Gottardo kostet etwa 22 Euro Eintritt, Inhaber des Schweizer Museumspasses zahlen nichts.

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