Manitoulin Island: Kanadas dunkle Geschichte ← 11. Dezember 2015

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Manitoulin Island im Süden Kanadas ist die Heimat der Anishinabe. Wer in deren Kultur und Geschichte eintauchen möchte, ist auf der größten Süßwasserinsel der Welt gut aufgehoben.

Manitoulin Island liegt in der Huronsee und ist die größte Süßwasserinsel der Erde

Manitoulin Island liegt im Huronsee und ist die größte Süßwasserinsel der Erde. Auf dem Foto zeigt „Kleiner Kolibri“ Falcon Migwans seine Heimat per Kanu.

Joseph erzählt. Über seine Kindheit bei den Pflegeeltern, die Zeit im Internat, in der von Jesuiten betriebenen „Residential School“, wo sie, wie er sagt, nachts in die Zimmer kamen. Über seine Ehe, die Zeit mit dem Alkohol und die Zeit danach. „Wer hier hat Kinder?“ Von sieben Anwesenden hebt nur eine die Hand. Wie alt? Fünf. „Wie wäre es, wenn dir morgen jemand sagt, dass dein Kind ab sofort woanders lebt? Das würdest du doch nicht zulassen?“ Der 67-jährige gehört zu der Generation kanadischer Ureinwohner, die per Regierungsbeschluss von ihrer Kultur „geheilt“ werden sollte, in dem sie als Kind von ihren Eltern und damit auch von ihrer Sprache getrennt wurden. Die letzte Residential School Kanadas schloss erst 1996.

Angehöriger der First Nations auf einem Powwow in M'Chigeeng

Angehöriger der First Nations auf einem Powwow in M’Chigeeng

First Nations, also „Erste Nationen“, nicht Indianer („indians“), ist im Englischen der politisch korrekte Ausdruck für alle Ureinwohner Kanadas. Er beschreibt prägnant und respektvoll, was Tatsache ist: Dass sie zuerst da waren. Wer länger auf Manitoulin Island im Süden der Provinz Ontarios bleibt und mit Angehörigen der First Nations ins Gespräch kommt, erfährt erstaunlich schnell Persönliches. Herzzerreissende Details, wie etwa, dass die Pflegemutter das Geld, welches sie für Joseph bekam, stets für neue Kleidung der eigenen sechs Kinder verwendete, während er nur die abgetragenen Sachen bekam.

Begegnungen dieser Art ermöglicht der Great Spirit Circle Trail, eine Tourismusorganisation auf Manitoulin Island, die acht Reservate repräsentiert. Reservat heißt, dass das Land ausschließlich den First Nations gehört und auch von ihnen selbst verwaltet wird. Die liebliche Seenlandschaft der größten Süßwasserinsel der Welt steht dabei oft genug in krassem Kontrast zu der Historie ihrer Ureinwohner. Das Büro in M‘Chigeeng vermittelt Kanufahrten und Tipi-Übernachtungen, bietet Backkurse für das traditionelle Bannock (Brot) oder ermöglicht es, wie eingangs geschildert, in der Nishin-Lodge im Reservat Sheshegwaning im Westen der Insel mitten im Wald am Lagerfeuer zu sitzen und einfach nur zu zuhören. Den Part der Guides übernehmen stets Angehörige der Anishinabe, der auf Manitoulin Island heimischen Volksgruppe, die sich wiederum aus den Völkern der Ojibwe, Odawa und den Pottawatomi zusammensetzt.

Wilder Salbei ("sage"), Süßgras ("sweetgrass), Tabak und Zeder sind die Zutaten für das morgendliche x

Wilder Salbei („sage“), Süßgras („sweetgrass), Tabak und Zeder sind die Zutaten für das morgendliche x

Bestimmte Grenzen möchte die Tourismusorganisation jedoch nicht überschreiten. „Es gibt eine feine Linie, zwischen dem Teilen der eigenen Kultur und deren Verkauf“, erklärt Falcon Migwans, Mitarbeiter des Great Spirit Circle Trail. So lehnt er es etwa ab Touristen in eine Schwitzhütte mitzunehmen, einem traditionellen Reinigungsritual vieler First-Nations-Stämme. Dagegen bringt der 37-jährige Besuchern mit großem Enthusiasmus den „Herzschlag der Mutter Erde“ in Form von Trommelworkshops näher, Mittrommeln ist ausdrücklich erwünscht. Auch führt Migwans Besucher in die Welt der spirituellen Namensgebung ein. So erhält jeder First-Nations-Angehörige im Laufe seines Lebens zusätzlich zu seinem bürgerlichen Namen auch einen, der aus der Natur stammt

Die traditionelle Kleidung nennt sich auf englisch "regalia", der Begriff Kostüm empfinden die Ureinwohner als abwertend, da dies zu sehr nach Verkleidung klingt. Hier zu sehen ein Ornat aus zahlreichen, sehr kostbaren Adlerfedern.

Die traditionelle Kleidung nennt sich auf englisch „regalia“, den Begriff Kostüm empfinden die Ureinwohner als abwertend, da dies zu sehr nach Verkleidung klingt. Hier zu sehen ein Ornat aus zahlreichen, sehr kostbaren Adlerfedern.

und in Einklang mit dem Wesen der Person steht. Im Fall von Migwans lautet dieser „Little Hummingbird“ (dt. „Kleiner Kolibri“). „Als achtjähriger Junge war ich natürlich zuerst enttäuscht, ich hätte lieber einen Namen wie „Großer Bär“ bekommen.“ Doch der Kolibri gilt als Botschafter und so sieht sich Migwans heute auch als Botschafter seiner Kultur.

Ihren Stolz trotz allem überlebt zu haben, zeigen die Ureinwohner Kanadas beim Powwow, der Zusammenkunft schlechthin, bei der sie in traditionellen Gewändern tanzen, trommeln und singen. So wie David Migwans, 54, aus M’Chigeeng, der in seinem spektakulären Jägerornat tanzt und dabei die Bewegungen eines Spurensuchers nachahmt. Oder Bonnie Akiwenzie und Bnaaswi Biiaaswah, die beide schon seit 40 Jahren tanzen und Powwow-Wettbewerbe gewonnen haben. „Als ich ein Kind war, haben meine Eltern behauptet, wir wären keine Indianer, ich habe das erst viel später erfahren“, erinnert sich Biiaaswah. Seine Eltern seien zur Residential School gegangen und hätten keinen Bezug zur eigenen Kultur gehabt, er selbst habe erst über die Powwows seine Kultur, die der Ojibwe, kennengelernt.

Jeder Powwow beginnt mit einem „Großen Einzug“ der Häuptlinge („chiefs“), der Respektpersonen („elder“, die nicht in Jahren alt sein müssen!) und der Veteranen. Während dieser Zeremonie müssen alle stehen, keiner darf fotografieren. Die First Nations bezeichnen ihre prachtvollen Gewänder im Englischen nie als Kostüm („costume“), sondern als „regalia“. Dies soll ausdrücken, dass es sich eben nicht um eine Verkleidung handelt, sondern die Gewänder Ausdruck der jeweiligen Persönlichkeit sind. Für Außenstehende existieren also jede Menge Fettnäpfchen, sodass es sich empfiehlt vor dem Besuch eines Powwows mit ein paar Verhaltensregeln vertraut zu machen. Auch dabei hilft die Tourismusorganisation. Der Stolz und die Haltung, mit der die Anishinabe ihrer Kultur feiern, fasziniert und ist vielleicht gar nicht so weit von der Ernsthaftigkeit entfernt, mit der beispielsweise die Alemannen ihre Fasnacht feiern.

Trommelbau mit Falcon Migwans: Auf einen Holzrahmen wird ein Stück Hirschleder gezogen und mittels Hirschlederfäden fest gezurrt.

Trommelbau mit Falcon Migwans: Auf einen Holzrahmen wird ein Stück Hirschleder gezogen und mittels Hirschlederfäden fest gezurrt.

Oft muss Falcon Migwans aber noch Basisaufklärung betreiben. „Es gibt immer noch Leute, die zu uns kommen und fragen: ‚Warum wohnt ihr nicht im Tipi, wo sind eure Federn? Die glauben, wir leben noch wie vor 200 Jahren in einer Art Disneyland. Aber auch wir sind im Jahr 2015 angekommen, wohnen in Häusern und tragen Jeans.“ Er habe sich bewusst für die Pflege der eigenen Wurzeln und Werte entschieden: „Einige First Nations leben in den Städten und merken vielleicht erst mit 40 oder 50 Jahren, dass ihnen etwas fehlt. Ich habe meine Wahl bereits getroffen.“

Infos

Allgemeine Infos direkt bei der Tourismusorganisation Circletrail, bei der Provinz Ontario und bei der kanadischen Tourismusorganisation.

Essen und Trinken: Gute Pasta, Fisch- und Fleischgerichte im Restaurant des Hotels Manitoulin Island. Für etwa 20 Euro erhält man ein vorzügliches Menü samt Salat. Ansonsten besteht die Esskultur eher aus Fastfood.

Übernachten: Das von den Anishinabe geführte Manitoulin Hotel in Little Current bietet schöne, große Zimmer mit zwei großen Betten, nur süßes Frühstück, die Zimmerfenster lassen sich nicht öffnen. DZ/F etwa 130 Euro, mit im Zimmer übernachtende Kinder kosten nichts. Alternativ empfiehlt sich ein Cottage wie das Bayside Resort in Manitowaning, Cottage ab etwa 600 Euro pro Woche inkl. Wifi, Paddelboote, Kanus etc., Lage direkt am Wasser im Reservat Wikwemikong.

Einzelne Reisepackages: Das Song & Drum Make-and-Take-Package für 160 Euro pro Person ist nicht nur eine spannende Erfahrung, sondern liefert auch das Mitbringsel, eine Trommel im Wert von rund 135 Euro. Nishin Lodge: Eine Übernachtung für bis zu 10 Personen kostet in der einfachen Unterkunft etwa 300 Euro, Selbstversorgung, Catering auf Anfrage, Infos über Powwows gibt es hier, Termine hier.

Ein Powwow ist auch für Touristen ein grandioses Erlebnis, allerdings sollte man sich vorher eingehend mit den Benimmregeln vertraut machen.

Ein Powwow ist auch für Touristen ein grandioses Erlebnis, allerdings sollte man sich vorher eingehend mit den Benimmregeln vertraut machen.

Ausflugtipps:

  • Auf eigene Faust den Cup-and-Saucer-Trail erkunden. Vorsicht: Die Route ist zwar einfach, die Beschilderung dagegen mässig. Tipp: Wanderkarte am Eingang fotografieren. Der Wanderweg führt nah am Abgrund vorbei und hat Kletterstellen, Kinder instruieren oder an die Hand nehmen. Wanderzeit grosszügig planen, damit man vor der Dämmerung zurück ist. Gutes Schuhwerk erforderlich, auch wenn andere in Segelschuhen oder gar Flipflops entgegen kommen.
  • Die Ojibwe Cultural Foundation in M’Chigeeng zeigt Kunst und Historie der Anishinabe, täglich geöffnet, Eintritt ca. 5 Euro.
  • An einem Gottesdienst der katholischen Kirche „The Immaculate Conception“ in M’Chigeeng teilnehmen, der auf wunderbar entspannte Weise Christentum und Anishinabebräuche fusioniert. Auch die Architektur der Kirche vereint Anishinabe-Kultur und Christentum. Es gibt einen englischsprachigen Flyer in der Kirche, der dies sehr gut erläutert.

2 Kommentare

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  • Sabine - 13. Dezember 2015 Antworten

    Vielen Dank für diesen informativen Artikel! Der Osten Kanadas steht schon länger auf meiner Reisewunschliste und ich bin gerne auf den Spuren der First Nations unterwegs. Manitoulin Island scheint hierfür ein optimales Reiseziel zu sein. Für den Westen Kanadas kann ich dazu Haida Gwaii empfehlen! Beste Grüße, Sabine

    • Geraldine Friedrich - 13. Dezember 2015 Antworten

      Liebe Sabine,
      gern geschehen. Ja, ich fand speziell den Powwow und den Trommelbau sehr beeindruckend. Für mich war es allerdings die erste First-Nations-Reise. Gruß, Geraldine

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