Ostfriesland: Das neue Gesicht von Norderney ← 29. Juli 2015

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Die Norderneyer haben sich auf alte Stärken und Traditionen besonnen – und damit einen neuen Geschmack der Insel geschaffen.

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Harald Deckena ist in Siegerlaune: seine Wurst- und Schinkenkreationen gehören zu den Norderneyer Feinkost-Highlights. © (alle Fotos) Nadine Kraft

Vielleicht trifft die Aussage von Harald Deckena am besten, was sich in den vergangenen zehn Jahren auf Norderney verändert hat: „Früher kamen die Gäste mit einem gut gefüllten Kofferraum auf der Insel an“, erinnert sich der Metzgermeister. „Heute fahren sie mit einem gefüllten Kofferraum wieder ab.“ Soll heißen: Noch vor wenigen Jahren war das Angebot an lokalen Köstlichkeiten eher bescheiden. Inzwischen jedoch hat der Trend zu regionalen Produkten und Spezialitäten Norderney nicht nur erreicht. Er wird auf der zweitgrößten ostfriesischen Insel geradezu kultiviert. Wichtigste Zutaten für die örtlichen Spezialitäten sind dabei nicht nur das Quellwasser – die Insel hat als einzige der ostfriesischen eine eigene Wasserversorgung – und das Salz in Meer und Luft. Es sind die Menschen, die sich anstecken ließen von den Pionieren des neuen Norderney, die ihre ganze Energie und Kreativität, ihre Liebe zur Wattenmeer-Insel und ihren Rohwaren, zum guten Leben im Allgemeinen und der guten Küche im Besonderen pflegen und sich gegenseitig anspornen in ihrem Tun.

Die besten Brötchen der Insel

„Samstags stehe ich früh auf. Sonst sind die Brötchen alle“, erzählt Herbert Visser, eingeborener Norderneyer und heute Marketingleiter der Insel. Klar könne er woanders immer Brötchen bekommen, nicht aber in der Bäckerei des Hotels „Inselloft“ am Damenpfad. Das Haus hat ein sehr eigenes Konzept, nicht nur die Weinbar und das Bistro sind für die Allgemeinheit zugänglich. Auch die Bäckerei, in erster Linie zur Versorgung der Hausgäste im „Inselloft“ und dem benachbarten Relais&Chateaux „Seesteg“ gedacht, funktioniert wie ein normales Geschäft. Die Brötchen von Maik Albrecht, der mit Schiebermütze und Poloshirt aussieht wie Sylvester Stallone als junger Boxer Rocky, sind für viele die besten der Insel. Seine Kekse und die Hundekuchen (!) haben Kultstatus darüber hinaus und gehören auf der Heimfahrt in den Kofferraum.

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Back-Star: Bäckermeister Mark Albrecht vom „Inselloft“. ©Inselloft

Es waren Albrechts Arbeitgeber, die Bremer Brüder Marc und Jens Brune, Architekt der eine, Hotelier der andere, die Norderney zu einem neuen Antlitz verholfen haben. Sie gehören zu den Machern des neuen Norderney wie der bis 2006 amtierende Bürgermeister Klaus-Rüdiger Aldegarmann und der damalige Kurdirektor Wilhelm Loth. Vor mehr als zehn Jahren haben sie gemeinsam das in die Jahre gekommene Badehaus aus der Bauhaus-Ära und das nicht mehr als solches zu erkennende Conversationshaus aus der Zeit König Georgs V. von Hannover zu altem Glanz mit modernen Inhalten verholfen. Der Rückbesinnung auf alte Stärken folgten viele Insulaner, manche widerwillig, andere begeistert. Inzwischen ist gelungen, was das Ziel dieses Kraftaktes war: Norderney kennt keine Saisonzeiten mehr, gehobene Hotellerie und Gastronomie haben guten Zuspruch von anspruchsvolleren Gästen.

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Außen Gründerzeit, innen Konzepthotel: das „Inseloft“ erstreckt sich über vier Häuser, wie sie typisch für Norderney waren.

Hausgemachte Menüs und eigene Gewürzlinie

In deren Kofferraum fehlen auf der Heimreise selten die Salami von Harald Deckena, seine hausgemachten Menüs im praktischen Weckglas oder die eigene Gewürzlinie. Als der gebürtige Norderneyer – im Gegensatz zu allen anderen Inseln konnte man bis vor kurzem tatsächlich im örtlichen Krankenhaus geboren werden – 1991 die Metzgerei des Vaters übernahm, gab es noch fünf weitere Familienbetriebe in der Stadt. Deckena ist als einziger übrig geblieben. „Man muss sich schon etwas einfallen lassen, damit der Gast sein Geld gerne auf der Insel lässt“, sagt der passionierte Hobbykoch, der den Begriff „Feinkostfriesland“ geprägt hat. Seit Jahren verzichte er konsequent auf Geschmacksverstärker und Allergene und verwende vorrangig Rohwaren aus der Region. „Die Kühe und Lämmer, die ich verarbeite, haben alle platt gesprochen“, sagt er mit breitem Grinsen. Diese Qualität hat auch anspruchsvolle Köche auf der Insel überzeugt. Mehrere Hotels und Restaurants gehören zu Deckenas Kunden. Neben dem „Inselloft“ etwa das hippe Restaurant „Weiße Düne“, das mit seinem gekonnten Mix aus ungezwungener Strandbar-Atmosphäre und loungigem Edel-Restaurant 240.000 Gäste im Jahr glücklich macht. Dort wie auch in der kultigen „Milchbar“ wird übrigens der für Norderney typische Milchreis serviert. Ein Muss!

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Noch eine Perle – außen wie innen: die „Milchbar“.

Norderneyer Wasser+fränkischer Hopfen=leckeres Pils

Am Weststrand und am Damenpfad wird frisches Norderneyer Bier ausgeschenkt. Tobias Pape, vor zehn Jahren auf der Insel gestrandeter Elektroingenieur aus dem südlichen Niedersachsen, braut seit knapp fünf Jahren sein eigenes Bier. „Ich dachte mir, dass das leckere Wasser doch auch ein schmackhaftes Bier ergeben müsste“, erzählt er von den Anfängen seiner Mikrobrauerei. Also hat er sich schlau gemacht, den zum Norderneyer Wasser passenden Hopfen in Franken gefunden, in die Veranda seines kleinen Stadthauses zwei Kupferkessel gestellt, lange Leitungen in den Keller zu den Gär-Tanks gelegt, das Wohnzimmer zum Schankraum umgebaut und einfach losgelegt. Seine Pils- und Weizenbiere nach eigenem Rezept werden inzwischen auch in der Weststrandbar verkauft. Und für den Kofferraum gibt’s das Bier auch: in Zwei-Liter-Flaschen oder im kleinen Fass.

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Hat ein neues Getränk mit dem Zeug zum Kult kreiert: Bierbrauer Tobias Pape.

Anreise:

Mit der Bahn oder dem Auto bis Norddeich Mole. Dort legt die Fähre nach Norderney immer zur vollen Stunde ab. www.reederei-frisia.de

Während der Saison ist das Autofahren auf der Insel nur sehr eingeschränkt möglich. Parken kostet 2,50 Euro für die gesamte Zeit des Aufenthaltes, wenn das Auto nicht bewegt wird.

*Die Reise wurde unterstützt vom Inselloft Norderney.

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