Frankreich: Mit dem Hausboot durch das Mittelalter ← 2. Juni 2015

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Freizeit-Kapitäne und Mittelalter-Fans kommen im südfranzösischen Carcassonne voll auf ihre Kosten. Mit dem Canal du Midi und der mittelalterlichen Cité hat die Burgenstadt zudem gleich zwei Unesco-Welterbestätten

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Die Altstadt von Carcassone sieht genau so aus, wie man sich landläufig eine mittelalterliche Stadtanlage vorstellt.

Im Frühjahr wechselt Stéphanie Bourgain ihren Arbeitsplatz. Dann zieht es die Südfranzösin vom Schreibtisch in der Verwaltung ihrer Heimatstadt Carcasonne hinaus in den Hafen am Canal du Midi: Die 31-jährige ist in den Sommermonaten die einzige Hafenkapitänin am berühmten „Kanal des Südens“, der über rund 240 Kilometer Länge von Toulouse bis zum Mittelmeer bei Sète verläuft. Im 17. Jahrhundert von Ingenieur Pierre Paul Riquet als Schiffsverbindung zwischen Bordeaux und dem Atlantik sowie dem Mittelmeer für Waren- und Personenverkehr errichtet, um die Iberische Halbinsel zu vermeiden, gehört der Canal du Midi heute zu Frankreichs meist befahrenen Freizeitrevieren für Wassersportler – allen voran für Hausbootkapitäne mit Lust auf Entschleunigung.

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Hafenkapitänin am Canal du Midi: Stéphanie Bourgain. © (alle Fotos) Christoph Schumann

„Wir haben im vergangenen Jahr 3.660 Boote begrüßt“, erinnert sich Stéphanie Bourgain, die sich über die internationale Atmosphäre in ihrem Hafen freut. „Die meisten Gäste kommen natürlich aus Frankreich, viele aber auch aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien.“ Insgesamt konnte sie 2014 als weltoffener Captain du Port 48 verschiedene Nationalitäten in Carcassonne begrüßen. Durchschnittlich sind die Kanaltouristen mit einem gemieteten Hausboot eine Woche lang auf dem Unesco-Welterbe Canal du Midi mit seinen noch knapp 60 funktionsfähigen Schleusen unterwegs. Bei gemäßigtem Tempo von sechs Stundenkilometern erleben sie südländische Stimmung zwischen den berühmten Weinbergen von Languedoc-Roussillon, den zahlreichen Katharer-Burgen und mittelalterlichen Orten wie Minerve oder Lagrasse mit der alten Abtei Sainte Marie d’Orbieu.

Das etwa auf halbem Weg zwischen Toulouse und dem Mittelmeer gelegene Carcassonne, gegründet als keltische Siedlung Carcasso, gehört zu den Höhepunkten einer Kanalfahrt. Das gilt für die schachbrettartig angelegte Unterstadt (frz. Bastide Saint Louis), die König Saint Louis im Jahr 1260 anlegen ließ und die vor allem an den drei Markttagen eine typisch südfranzösische Atmosphäre versprüht. Das gilt aber vor allem für die Cité Médiévale am rechten Ufer des Flusses Aude, dem Herzen Carcassones.

Hoch zu Ross in die Cité

Wir erobern die mittelalterlichen Oberstadt La Cité standesgemäß hoch zu Ross – zu Stahlross und gemeinsam mit Fahrradguide und Stadtkenner Julien Chiron.

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Typisch französisches Flair: Markt auf dem Platz Carnot in Carcassone.

Wenige Minuten nur dauert die Fahrt vom Hafen über die acht Bögen der Aude-Brücke Pont Vieux und das alte Viertel Trivalle, ehe hoch über uns die imposanten Stadtmauern der Cité auftauchen. Hell strahlt Europas besterhaltene Festungsstadt in der morgendlichen Sonne: Mit ihren drei Kilometer langen, teils doppelten Befestigungsmauern und 52 Türmen bildet die Cité Mediéval ein vollständig erhaltenes Ensemble, das als seit 1997 zum Unesco-Welterbe gehört. Unsere Zeitreise beginnt mit dem Anstieg zur Porte d’Aude, dem mächtigen Stadttor auf der Aude-Seite. Über kopfsteingepflasterte, vielfältig gemusterte Steinböden führt uns Julien Chiron zunächst zum Chateau Comtal: „Das wehrhafte Schloss wurde im 12. Jahrhundert von den Vicomtes als Fluchtburg erbaut“, erzählt unser Begleiter. Heute beherbergt die Burg unter anderem das Musée Lapidaire mit Fundstücken aus allen Epochen Carcassonnes. Weiter geht es durch die engen Gassen zur Kathedrale Saint Nazaire. Das größte Gotteshaus der Stadt wurde 1270 vollendet. 200 Jahre Bauzeit zeugen vom Wandel des Geschmacks: Während das Hauptschiff romanisch ist, entstanden Querschiff und Chor bereits in der Gotik.

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Stimmungsvoll illuminiert: Pont Vieux und Cité.

Eigentlich, verrät Stadtkenner Julien Chiron, ist das Carcassonne von heute eine Art Fata Morgana. Denn im 19. Jahrhundert lagen große Teile der einst mächtigen Festung nach Jahrhunderten der Bedeutungslosigkeit geplündert und vergessen in Trümmern. „Sogar ein Abriss galt als möglich“, sagt Chiron. Doch Staat und Geschichtskenner besannen sich eines Besseren und beauftragen den Architekten Eugène Viollet-le-Duc mit der Restaurierung des Ensembles. Der bekannte Denkmalpfleger rekonstruierte mit eigenen Zeichnungen detailreich die alte Cité – und schoss in vielen Fällen damit sogar über das Ziel hinaus. Dächer und Turmhauben ragen nun auf, wo ursprünglich keine waren. Pechnasen und Zinnen glänzen, wo blankes Mauerwerk war. Historismus pur also mit einem Hauch Kitsch. Und doch die perfekte Illusion eines mittelalterlichen Gesamtkunstwerks.

Heute leben nur noch rund 100 Einwohner fest in Carcassonnes mittelalterlicher Cité. Zwei Millionen Besucher strömen während der Sommermonate dorthin. Erst, wenn am frühen Abend die letzten Touristenbusse die Stadt verlassen, kehrt Ruhe in Gassen und auf Plätzen ein. Julien Chiron rät daher: „Immer am frühen Morgen oder am Abend kommen. Dann spürt man den alten Geist der Cité wirklich.“

Hintergrund: „Land der Katharer“

Die südfranzösische Region Languedoc zwischen Carcassonne und dem Mittelmeer gilt als „Land der Katharer“ (frz. Pays Cathare). Überall erinnern vor allem in den Departments Aude und Hérault Hinweisschilder an jene Anhänger des Christentums, die sich im 13. Jh. von Rom und dem Papst lossagten. In der sichelförmigen Ebene zwischen den Pyrenäen und dem Zentralmassiv mit Minervois und Corbières als Zentrum fanden die strenggläubigen, asketisch lebenden und in weiten Teilen Europas verbreiteten Katharer besonders viele Anhänger. Burgen wie Montségur und Quéribus sowie Städte wie Albi zeugen noch heute davon, dass die Glaubensgemeinschaft, die streng dualistisch zwischen böse (Welt) und gut (Himmel) teilte, nirgendwo in Frankreich so bedeutsam war wie dort. Von Papst und Kreuzzüglern als Ketzer verfolgt, bezahlten hunderte Katharer für ihre Überzeugung mit dem Leben. Heute erinnert der 200 km lange Wanderweg „Sentier Cathare“ vom Mittelmeer bis nach Foix an die Glaubensgemeinschaft.

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