Fondation Beyeler in Riehen: Mehr Klos für Paul Gauguin ← 6. Februar 2015

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Sam Keller, Museumsdirektor der Fondation Beyeler in Riehen, Schweiz, rechnet für die Paul-Gauguin-Ausstellung offenbar mit so einem großen Besucheransturm, dass das Kunstmusem die Kapazitäten für Toiletten und Garderoben erhöht hat. Bereits die vorletzte Ausstellung mit Werken des deutschen Malers Gerhard Richter im Jahr 2014 schaffte über 170000 Besucher. Ob die Fondation Beyeler diese Zahl mit Paul Gauguin knackt?

Paul Gauguin: Reiter am Strand (II)/ 1902

Paul Gauguin: Reiter am Strand (II)/ 1902

 

Welch ein Kontrast: Von 8. Februar bis 28. Juni 2015 werden sich zig tausende Besucher durch die tageslichthellen Räume der Fondation Beyeler in Riehen drängen, um die Werke Paul Gauguins zu bestaunen. Für den Künstler selbst wäre so ein Ausstellungsbesuch aber ein Graus gewesen: Paul Gauguin, geboren 1948, suchte die Einsamkeit. Er fand sie mit 40 Jahren zunächst in der Bretagne, einige Jahre später in Tahiti und zu seinem Lebensende auf der Marquesa-Insel Hiva Oa, wo er auch heute noch begraben liegt. Diese einzelnen Lebensphasen finden sich auch in der aktuellen Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen wieder, jeder einzelnen ist ein eigener Raum gewidmet, in der die Bilder aus der jeweiligen Lebensphase Gauguins gezeigt werden.

Paul Gauguins Nafea faaipoipo ("Wann heiratest du?") wurde für kolportierte 300 Millionen US Dollar von Basel nach Katar verkauft

Paul Gauguins Nafea faaipoipo 1892 („Wann heiratest du?“) wurde für kolportierte 300 Millionen US Dollar von Basel nach Katar verkauft.

Erst mit 35 Jahren entscheidet Gauguin seinen Beruf Börsen- und Versicherungsmakler – eine Kombination, die es heute wohl so nicht mehr gibt – aufzugeben und sich hauptberuflich dem Malen zu widmen. Richtig reich wurde Paul Gauguin aber nie: Erst zu seinem Lebensende erhält er von dem Kunsthändler Ambroise Vollard einen Vertrag, der ihm ein gewisses Einkommen sichert. Ironie des Schicksals: Paul Gauguins Nafea faaipoipo („Wann heiratest du?“) wurde, wie erst Anfang Februar bekannt wurd, für kolportierte 300 Millionen US Dollar vom Rudolf Staechelin Family Trust in Basel an einen Privatsammler nach Katar verkauft. Gauguin ergeht es damit wie vielen anderen Künstlern auch: Sein Ruhm entsteht erst nach seinem Tod.

Höchte Versicherungssumme

Die Ausstellung selbst weist einige Superlativen auf: Die insgesamt 50 ausgestellten Werke stammen aus 13 Ländern und kamen in 29 Spezialtransporten an. Die Versicherungssumme von insgesamt 2,5 Milliarden (!) sei die bislang höchste für die Fondation Beyeler, die Vorbereitungszeit mit sechs Jahren sehr lang gewesen. Um einige Werke als Leihgabe zu erhalten, habe die Fondation Beyeler im Gegenzug viele ihrer Werke verleihen müssen und ganze Museumsräume der Tauschpartner bestücken müssen. Ein Novum sind die interaktiven Bücher, die eigens für die Gauguin-Ausstellung konzipiert wurden (siehe Fotos). Sie laden zum Mitmachen ein und sind insbesondere auch für Kinder ab etwa fünf Jahren interessant. Insgesamt ist die Ausstellung sehr sinnvoll nach den Lebens- und Schaffensphasen Paul Gauguins strukturiert und mit kurzen, aber völlig ausreichendem Beschreibungen bestückt.

Eintrittpreis erhöht

Angesichts des Aufwands und der Kosten erhöhte die Fondation Beyeler den bereits ordentlichen Eintrittspreis von 25 CHF auf 28 CHF. Ob das angesichts des starken Franken das richtige Signal an die Gäste des jenseits der nur ein Kilometer entfernt gelegenen Grenze zu Deutschland ist, bleibt abzuwarten. Offenbar hält das Organisationsteam der Fondation Beyeler die Werkschau für so einzigartig, dass man trotz erhöhten Eintrittspreises keine gravierenden Folgen auf die Besucherzahlen erwartet. Selbst die Kapazitäten for Toiletten und Garderoben hat man im Vorfeld erhöht. Noch nie seien so viele „berühmte Gauguin-Werke“ (O-Ton Keller) an einem Ort versammelt gewesen. Keller: „Es gibt kein Gauguin-Museum. Basel ist eine Gauguin-Stadt, der Verkauf des Werkes Nafea ist ein großer Verlust für unsere Stadt.“

Info: Paul Gauguin 8. Februar bis 28. Juni 2015, Eintritt 28 CHF, Fondation Beyeler, Baselstraße 77, 4125 Riehen, www.fondationbeyeler.ch

Paul Gauguin – Biografie (Quelle: Fondation Beyeler)

1848 Eugène Henri Paul Gauguin wird am 7. Juni in Paris geboren. Sein Vater Clovis ist ein republikanisch gesinnter Journalist, seine Mutter Aline Marie die Tochter der sozialistischen Schriftstellerin Flora Tristan mit peruanischen Wurzeln. Paul hat eine ältere Schwester, Marie.

1849 Die Machtübernahme Louis Napoléons veranlasst die Familie Gauguin, Frankreich zu verlassen und nach Peru auszuwandern. Während der Überfahrt stirbt der herzkranke Vater.

Paul Gauguin: Selbstbildnis mit Palette (ca. 1893/94)

Paul Gauguin: Selbstbildnis mit Palette (ca. 1893/94)

1849–1854 Aline und die beiden Kinder werden von einem wohlhabenden Grossonkel in Lima aufgenommen. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Peru kehrt die Familie Gauguin 1854 nach Frankreich zurück und findet Unterkunft bei einem Onkel in Orléans.

1856–1864 Da die Mutter für den Lebensunterhalt sorgen muss, besucht Gauguin eine Internatsschule. Aline zieht 1861 nach Paris, wo sie als Näherin arbeitet. Gauguin folgt 1862 nach, absolviert sein letztes Schuljahr 1864 jedoch wieder am Lycée in Orléans.

1865–1867 Gauguin verpflichtet sich als Offiziersanwärter bei der Handelsmarine und unternimmt als zweiter Leutnant eine Weltreise, während der ihn 1866 die Nachricht vom Tod seiner Mutter erreicht.

1868–1870 Er leistet seinen Militärdienst als Matrose in der Kriegsmarine ab, der ihn auf Seereisen bis zum Polarkreis führt.

1871–1872 Gauguin beendet enttäuscht seine Karriere als Seemann und findet eine Anstellung im Bankhaus Bertin in Paris, wo er die Laufbahn eines Anlagenberaters einschlägt und zugleich erfolgreich an der Börse spekuliert. In seiner Freizeit beginnt er zu malen und zu zeichnen.
Gauguin lernt die impressionistische Malerei kennen und besucht die freie Akademie Colarossi.

Paul Gauguin: Parau api ("Was gibt's Neues?")

Paul Gauguin: Parau api 1892 („Was gibt’s Neues?“)

1873 Heirat mit der Dänin Mette-Sophie Gad, die bis dahin in Paris als Kindermädchen gearbeitet hat.

1874 Als erstes von fünf Kindern des Ehepaares wird der Sohn Émile geboren. In den kommenden Jahren werden Aline (*1877), Clovis (*1879), Jean-René (*1881) und Pola (*1883) folgen. Gauguin lernt Camille Pissarro kennen.

Paul Gauguin: Aha oe feii? ("Wie! Du bist eifersüchtig?")

Paul Gauguin: Aha oe feii? 1892 („Wie! Du bist eifersüchtig?“)

1876–1879 Gauguin wird mit einem Gemälde zum Pariser Salon zugelassen und mietet ein eigenes Atelier am Montparnasse. Es entstehen erste Skulpturen.

1879 Gauguin wird von Degas und Pissarro zur Teilnahme an der vierten Impressionisten-Ausstellung eingeladen. Er spekuliert weiterhin erfolgreich an der Börse und investiert seinen Gewinn in Kunstwerke, unter anderem von Pissarro, Manet, Cézanne, Renoir und Monet.

1880–1882 Gauguin, der nun in einer Versicherungsagentur arbeitet, nimmt an weiteren Impressionisten-Ausstellungen teil. Die Sommerferien verbringt er mit Pissarro malend in Pontoise, wo er auch die Bekanntschaft von Cézanne macht. Es erfolgen erste Ankäufe durch die Galerie Durand-Ruel.

Paul Gauguin: Rupe Rupe 1899 (Obsternte)

Paul Gauguin: Rupe Rupe 1899 („Obsternte“)

1883 Gauguin gibt seine Tätigkeit als Versicherungsmakler auf, um sich gänzlich der Malerei zu widmen. Die finanzielle Lage der Gauguins verschlechtert sich und der soziale Abstieg beginnt.

1884 Gauguin zieht mit der Familie wegen der geringeren Lebenshaltungskosten nach Rouen. Die Hoffnung, seine Bilder dort besser verkaufen zu können, erfüllt sich nicht. Auf Drängen Mettes zieht die Familie zu ihren Eltern nach Kopenhagen. Dort versucht sich Gauguin erfolglos als Vertreter einer Leinenfirma.

1885 Er hat eine erste Ausstellung in Kopenhagen, die jedoch schon nach wenigen Tagen wieder geschlossen wird. Gauguin überwirft sich mit den Schwiegereltern und kehrt allein mit seinem kleinen Sohn Clovis nach Paris zurück, wo sie in ärmlichen Verhältnissen leben müssen.

Paul Gauguin: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? 1897/98

Paul Gauguin: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? 1897/98

1886 Auf der Suche nach einer neuen Ursprünglichkeit zieht Gauguin in die Bretagne; dort lebt und arbeitet er in der Künstlerkolonie von Pont-Aven. Erste Keramiken entstehen. Mitte Oktober kehrt er nach Paris zurück und lernt Vincent van Gogh kennen. Er beginnt an eine Reise in die Tropen zu denken.

1887 Mette holt den Sohn Clovis nach Kopenhagen zurück. Im April schifft sich Gauguin zusammen mit dem Malerfreund Charles Laval nach Panama und Martinique ein. Es entstehen dort mehrere Gemälde und Zeichnungen. Im November kehrt er nach Paris zurück.

1888 Gauguin hält sich vor allem in Pont-Aven auf und arbeitet zusammen mit anderen Malerkollegen, die ihn als Lehrer anerkennen und bewundern. Er löst sich vom Impressionismus und entwickelt den als »Synthetismus« bezeichneten neuartigen Malstil, der zu seinen ersten charakteristischen Hauptwerken führt. Im Herbst fährt Gauguin auf Einladung van Goghs nach Arles, um dort gemeinsam zu arbeiten. Nach einem dramatischen Streit kehrt er jedoch im Dezember wieder nach Paris zurück.

Die Paul-Gauguin-Ausstellung wartet mit digitalen Büchern auf, die sich per Fingerdruck mit Werken Gauguins füllen, wahlweise darf die Hose rot, blau oder lila sein

Die Paul-Gauguin-Ausstellung wartet mit interaktiven Büchern auf, die sich per Fingerdruck mit Werken Gauguins füllen, wahlweise darf die Hose rot, blau oder lila sein (siehe auch Galerie unten). Erstellt wurden diese Bücher von der Basler Agentur i-art.

1889 Im Februar reist Gauguin erneut in die Bretagne, wo er sich bis Ende des Jahres abwechselnd in Pont-Aven und Le Pouldu aufhält. Erste Druckgrafiken entstehen. Im Mai präsentiert er seine Werke während der Pariser Weltausstellung im Café des Arts.

1890 Gauguin bereitet die Auktion seiner Bilder vor, mit deren Erlös er seine Auswanderung finanzieren möchte.

1891 Die Versteigerung seiner Bilder im Hôtel Drouot ermöglicht ihm die Reise in die Südsee. Im März fährt er nach Kopenhagen, um sich von seiner Familie zu verabschieden. Nach einem Abschiedsfest im Kreis seiner Malerfreunde verlässt Gauguin Paris Ende März. Im April schifft er sich von Marseille nach Tahiti ein und trifft dort im Juni ein. In bescheidenen Verhältnissen lebt er in dem Dorf Mataiea mit der jungen Polynesierin Teha’amana zusammen. Das ersehnte »Paradies« findet Gauguin auf Tahiti zwar nicht, doch wird er dort zahlreiche seiner bedeutendsten Gemälde und Skulpturen schaffen.

1892 Im Frühjahr erleidet Gauguin einen Herzanfall und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Er schickt mehrere Bilder für Ausstellungen nach Europa, doch seine finanzielle Situation spitzt sich zu.

1893 Vollkommen mittellos erwirkt Gauguin bei der Regierung eine kostenlose Rückführung nach Frankreich und trifft im August in Marseille ein. Eine kleine Erbschaft ermöglicht ihm, in Paris eine Wohnung zu mieten. Es entstehen weitere bedeutende Werke, neben Gemälden und Skulpturen nun auch Holzschnitte. Seine Ausstellung in der Galerie von Henri Durand-Ruel bleibt erfolglos. Gauguin beginnt mit Charles Morice an den Vorbereitungen zum Druck seiner autobiografischen Erzählung Noa Noa zu arbeiten; sie erscheint 1897 in La Revue blanche.

1894 Gauguin hält sich überwiegend in der Bretagne auf. Bei einer Schlägerei bricht er sich einen Knöchel und muss für zwei Monate ins Krankenhaus. Zurück in Paris, muss er feststellen, dass seine Geliebte Annah, eine javanesische Tänzerin, sein Atelier mit Ausnahme seiner Bilder geplündert hat.

1895 Im Februar findet die zweite Versteigerung seiner Werke im Hôtel Drouot statt. Die Auktion erweist sich als einziger Misserfolg. Enttäuscht bricht Gauguin im Juli von Marseille aus zu seiner zweiten Reise nach Polynesien auf, wo er im September eintrifft und sich an der Westküste Tahitis niederlässt. Wieder schafft Gauguin hier eine Vielzahl an Meisterwerken.

Bildnis von Gauguin Geliebter Annah, die sein Atelier plünderte und alles mitnahm - bis auf die Bilder

Bildnis von Gauguins Geliebter Annah, die sein Atelier plünderte und alles mitnahm – bis auf die Bilder

1896 Gauguin lebt mit der jungen Tahitierin Pau’ura zusammen. Im Sommer muss er erneut ins Krankenhaus, um sich vermutlich auf Syphilis behandeln zu lassen.

1897 Gauguins Tochter Aline stirbt, was den endgültigen Bruch mit seiner Frau Mette nach sich zieht. Nach weiteren Herzanfällen verschlechtert sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Gauguin unternimmt einen Selbstmordversuch mit Arsen; er erholt sich nur langsam von den Nachwirkungen.

1898 Um Geld zu verdienen, nimmt er eine Stelle als Zeichner beim Grundbuchamt von Papeete an.

1899 Pau’ura bringt den gemeinsamen Sohn Émile zur Welt. Gauguin gründet eine satirische Monatsschrift, Le Sourire, und schreibt für eine Zeitung. In seinen Artikeln setzt er sich für die Belange der Maohi ein, was zu Verwerfungen mit der Kolonialverwaltung und der Kirche führt.

1900 Gauguin unterzeichnet einen Vertrag mit dem Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard, der es ihm erstmals ermöglicht, von seiner Kunst zu leben.

1901 Auf der Suche nach neuer Inspiration und einem günstigeren Leben übersiedelt Gauguin im September auf die Marquesasinsel Hiva Oa, rund 1500 Kilometer östlich von Tahiti, wo seine letzten bedeutenden Werke entstehen werden. Er errichtet sich seine Hütte »Maison du Jouir« und nimmt wieder eine junge Frau zu sich. Weitere Konflikte mit der Kolonialverwaltung folgen. Gauguin malt nur noch selten und verfällt zunehmend dem Alkohol.

1902 Gauguin trägt sich aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands mit dem Gedanken, nach Spanien überzusiedeln.

1903 Im März wird er wegen Verleumdung der Regierung zu einer Geld- und Haftstrafe verurteilt. Noch vor Antritt der Strafe stirbt Gauguin am 8. Mai einsam in seiner Hütte in Atuona und wird am darauf folgenden Tag auf dem katholischen Friedhof von Hiva Oa beerdigt.

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Interessiert Sie Gerhard Richter? Hier geht’s zum Artikel über Richters Ausstellung in der Fondation Beyeler. Ebenfalls spannend für Kunstinteressierte: Das nahezu außerhalb der Kunstszene unbekannte Schaulager in Münchenstein.

Nicht von Paul Gauguin - aber vielleicht auch von einem zukünftigen großen Künstler? :-)

Nicht von Paul Gauguin – aber vielleicht auch von einem zukünftigen großen Künstler? 🙂

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