Die Schweiz von oben: Das Jungfraujoch per Propellermaschine ← 28. September 2014

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Ruckzuck fliegt man übers Jungfraujoch oder über den Aletschgletscher: Ein Rundflug über die Schweiz mit Propellermaschine ist ein einmaliges Erlebnis.

Es gibt die Momente, die lassen sich nicht planen. Zum Beispiel, wenn man an einem Tag mit fantastischem Wetter zu einem Rundflug über die Alpen eingeladen wird. Dieses Wochenende gab es so einen Moment: Der Frühherbst zeigt sich von der Sonnenseite. Freitagabend die Mail von einem befreundeten Pilot: „Hat einer von euch Lust mitzufliegen?“ Die Maschine bietet Platz für zwei: Also für den Piloten und einen von uns. Mein Mann winkt gleich ab, dass sei ihm „viel zu gefährlich“. So war es an mir. Mein fünfjähriger Sohn bekommt mein Ansinnen mit und will gerne „auf meinem Schoß“ mitfliegen, doch das geht natürlich nicht. Erst später werde ich sehen, wie eng es in so einer Propellermaschine tatsächlich ist.Jungfrau mit Michi 2014 027 Jungfrau mit Michi 2014 061

„Vergiss Kamera und Ausweis nicht“, erinnert mich Michi, mein Gastgeber. Ich hole ihn am Samstag von zuhause ab, zusammen fahren wir an den 20 Autominuten entfernten Euro Airport Basel, wo seine in Slowenien gebaute Pipistrel Virus SW steht. Bevor es aber losgeht, muss das Propellerflugzeug erst einmal von seiner Schutzkleidung befreit, die Flügel mit der Möbelpolitur Pronto präpariert (Michi: „Ein Supertrick, dann bleiben die Mücken nicht so kleben“) und der Motor gecheckt werden. Anschließend müssen wir bei der Security registrieren, das geht alles recht familiär zu: Ein französischer Sicherheitsmitarbeiter sitzt gut gelaunt in einem Minihäuschen und zeigt uns die Seiten in seinem Notizbuch, die die Einträge nur von diesem einen Tag zeigen. Es sind sehr viele. Klar, bei dem Wetter am Wochenende zieht es alle Piloten in die Luft. Alles in allem dauert das Prozedere etwa 50 Minuten, um 14.15 Uhr rollen wir los, stehen auf einem Seitenarm der Start-und Landebahn bereit und warten auf die Erlaubnis des Towers dort starten zu dürfen, wo eben noch „Air Berlin“ und „Easyjet“-Maschinen gelandet sind.

Dann geht alles ganz schnell. Wir starten in Frankreich, heben ab in Richtung Deutschland, fliegen ruckzuck an meiner Heimatgemeinde Inzlingen vorbei, dann weiter über Rheinfelden in die Schweiz direkt auf die Alpen zu. Über dem Mittelland, also der Region in der Nordschweiz, die nördlich der Alpen liegt, haben wir noch keine perfekte klare Sicht, doch das ändert sich nach wenigen Minuten. Die nicht schneebedeckten Berge der Voralpen zeigen ihre satten Grün- und Brauntöne, Bergseen von oben scheinen smaragdgrün.

Jungfrau mit Michi 2014 229 Jungfrau mit Michi 2014 214 Jungfrau mit Michi 2014 338

Noch über dem Mittelland überlässt mir Michi mit „Probier mal“ den Steuerknüppel. Beide Sitze sind identisch ausgestattet, sodass ich also nur den Knüppel, an dem meine Knie sowieso schon die ganze Zeit schrappen, vorsichtig steuern muss. Michi erwarb seine Privatpilotlizenz 1988 kurz nach seiner Matura in den USA und kaufte sich die Maschine zusammen mit einem Freund vor drei Jahren.

Die Entscheidung für die Route fällen wir kurzfristig – sehr kurzfristig. „Wir probieren es mal mit dem Jungfraujoch“, meint Michi spontan und holt sich die Erlaubnis. Und dann durchfliegen wir – natürlich wieder mit Michi am Steuer – tatsächlich die Schneise zwischen Mönch und Jungfrau, sehen unter uns die Bergstation „Top of Europe“ und viele, viele Menschen. Wir fliegen entlang der Hauptzunge des Aletschgletschers. „Das Wetter ist extrem ruhig, kein Wind, das ist selten“, erklärt Michi. Normalerweise habe es auf dem Jungfraujoch oft thermische Fallwinde, die das Flugzeug zum Zittern bringen. Später, nach der Landung in Basel, treffen wir einen anderen Piloten, der von seinen drei bis vier Flügen übers Jungfraujoch berichtet, und einmal umdrehen musste, weil das Flugzeug durchgeschüttelt wurde. Aber in dem Moment genießen wir den unglaublichen Blick über den Aletschgletscher. Nach einigen Minuten drehen wir wieder um und fliegen rechts zurück, denn auch im Flugverkehr gilt Rechtsverkehr. Michi grüßt die Menschen unten mit einem seitlichen Hin- und Herschwenken des Flugzeugs.

Ursprünglich wollten wir in Thun zum Kaffeetrinken landen, entscheiden uns dann aber darauf zu verzichten und noch das Bergmassiv Pilatus bei Luzern zu „besichtigen“. Wahnsinn. Dann geht’s relativ schnell zurück, wir passieren den Sempacher See, fliegen wieder über Rheinfelden zurück und ein gutes Stück östlich des Rheins. Kurz vor der Landung passieren wir noch eine Rheinschleuse – ob es die von Le Corbusier erbaute Schleuse in Kembs-Niffer ist, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht weiß einer von euch mehr?

Bei der Landung bittet Michi auf der Piste früh aufsetzen zu dürfen, um den berüchtigten vom startenden Linienjet verursachten Wirbeln auszuweichen („Wake turbulence“). Eins steht fest: Es war ein sensationelles Erlebnis, ein Highlight hat sich an das andere gereiht, das Wetter perfekt. Wie heißt es so schön: Die spontanen Aktionen sind immer die besten.

Pilot Michi mit Eiger Nordwand

Pilot Michi mit Eiger Nordwand

Eiger

Eiger

Die Bergstation des Jungfraujochs

Die Bergstation des Jungfraujochs

Seitenzunge des Aletschgletschers

Seitenzunge des Aletschgletschers

Seitenzunge des Aletschgletschers

Seitenzunge des Aletschgletschers

Die Hauptzunge des Aletschgletschers

Die Hauptzunge des Aletschgletschers

Hier fängt der Aletschgletscher an

Hier fängt der Aletschgletscher an

Eiger, Mönch und Jungfrau spiegeln sich in den Tragflächen

Eiger, Mönch und Jungfrau spiegeln sich in den Tragflächen

Die Eiger Nordwand liegt im Schatten

Die Eiger Nordwand liegt im Schatten

Flug per Sicht, aber die Route hat der Pilot auf dem Radar im Blick

Flug per Sicht, aber die Route hat der Pilot auf dem Radar im Blick

Das Bergmassiv Pilatus bei Luzern

Das Bergmassiv Pilatus bei Luzern

 

Bergmassiv Pilatus mit Station

Bergmassiv Pilatus mit Station

Le Corbusier Schleuse bei Niffer Kembs?

Le Corbusier Schleuse bei Niffer Kembs?

Vitra Werk in Weil am Rhein: Das neuese Fabrikgebäude des japanischen Architekturbüros SANAA (rund und weiß) ist gut zu erkennen. Die Japaner bauten auch das Rolex Learning Center in Lausanne

Vitra Werk in Weil am Rhein: Das neue runde Fabrikgebäude des japanischen Architekturbüros SANAA ist gut zu erkennen. Die Japaner bauten auch das Rolex Learning Center in Lausanne

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