Israel: Feldarbeit und neue Freunde in Hokuk am See Genezareth ← 5. Juli 2014

Autor:

Um 5:15 Uhr klingelt der Wecker. Es ist stockdunkel. Und kalt. Trotzdem schäle ich mich gähnend aus dem warmen Schlafsack. Ich schlüpfe in meine dreckigen Arbeitsklamotten und gehe hinüber zum großen Zelt. Wie das kleine Zelt, in dem wir zu viert schlafen, gehörte es einmal dem israelischen Militär. Nun dient es jungen Leuten aus aller Welt als zeitweilige Küche und Wohnzimmer.

Die beiden Zelte stehen am Rande von Hokuk, einem kleinen Kibbuz nahe dem See Genezareth. Hier, auf den eingezäunten Feldern von Nir Agadir, können sogenannte Wwoofer beim Pflanzen und Ernten von Bio-Gemüse mit anpacken. Im Gegenzug erhalten sie von ihm Kost und Logis. Denn genau das ist das Konzept von WWOOF: Das etwas sperrige Akronym steht für „worldwide opportunities on organic farms“ – freiwillige Helfer also, die auf Bio-Bauernhöfen mitarbeiten. Und das nicht nur in Israel, sondern in 100 Ländern auf der ganzen Welt. Die Organisation wurde im Jahr 1971 von der Britin Sue Coppard gegründet. Meist nehmen junge Backpacker und Langzeitreisende das Angebot in Anspruch, aber auch Alleinstehende und Familien kann man dabei treffen. Wie lange ein Wwoofer bleibt, spricht er vorab per E-Mail mit den Farmbesitzern ab.

Beim Pflanzen

Für meine erste Wwoof-Erfahrung setze ich zwei Wochen an. Das sollte ausreichen, um etwas über die Feldwirtschaft zu lernen und mich ein wenig mit Land und Leuten auseinanderzusetzen. Schon nach zwei Tagen habe ich mich an den neuen Rhythmus gewöhnt: Wenn wir drei Frauen uns morgens noch im kleinen Zelt umziehen, setzt Daniel aus den USA, der immer als Erster aufsteht, im großen Zelt schon Kaffee auf – schwarzen, arabischen Kaffee, den man nicht umrührt, weil man sonst den Satz mittrinken muss.

Gegen 5:45 Uhr erscheint Nir mit seiner obligatorischen weiß-schwarz gepunkteten Plüschmütze und setzt sich zu uns. Während wir am niedrigen Couchtisch heißen Kaffee schlürfen, diktiert er Daniel, was wir heute ernten werden: 20 Kilo Weißkohl, drei Eimer Karotten, sechs Bündel Koriander, sechs Bündel Dill, 20 Kilo Fenchel und 30 Salatköpfe. Geerntet wird zweimal pro Woche, an den restlichen drei Tagen pflanzen wir Setzlinge oder jäten Unkraut.

Mittagessen im Freien II - Daniel, Nir, ich, Liz u Lauren

Daniel, Nir, Melanie, Liz, Lauren

Als die Sonne hinter der Hügelkette am Horizont aufgeht, stehen wir schon auf dem Feld. Die Arbeit geht uns leicht von der Hand – Nir legt Wert darauf, Dinge gut, nicht schnell zu machen. „Zen-Gärtnern“ nennt er das. Vielleicht unterhalten wir uns gerade deshalb meist über sehr philosophische Themen – über verschiedene Konzepte der Welt, Religion, moralische Werte, Israel und unser Verständnis davon oder was genau uns zu den Menschen gemacht hat, die wir heute sind.

Das Leben als Wwoofer in Hokuk ist einfach. Dusche und Toilette sind im Freien, statt in Betten schlafen wir auf Holzpaletten. Die Arbeit ist hart, besonders wenn die Sonne ab 10 Uhr heiß auf unsere Rücken brennt (schon nach wenigen Stunden habe ich mir einen Sonnenbrand eingefangen). Und doch ist es auf eine seltsame Art und Weise befriedigend, Möhren aus der Erde zu ziehen oder winzige Basilikum-Sprösslinge in den feuchten Boden zu drücken. Zu sehen, wie sie innerhalb weniger Tage wachsen. Und sich dabei mit aufgeschlossenen, interessierten Menschen zu unterhalten.

Unser Zelt

Das kleine Schlafzelt

Nir Agadir kaufte das kleine Stück Land neben dem Kibbuz Hokuk im Jahr 2007. Seither halfen ihm hunderte Wwoofer bei der Bewirtschaftung seiner Felder. Es ist, wie gesagt, kein luxuriöses Leben, das er ihnen bietet. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb? – ist mein Aufenthalt in Hokuk reich, und zwar in vielerlei Hinsicht. An Ruhe, kontemplativen Momenten, tiefgreifenden Gesprächen und neuen Eindrücken von einem Land, das ebenfalls reich ist: an Geschichte, kultureller Diversität und politischen Konflikten.

Manchmal, wenn wir auf dem Feld arbeiten, hören wir in Syrien Bomben fallen. Es hört sich an wie dumpfes Donnergrollen. Bis zur Grenze sind es nur etwa 25 Kilometer. Auf mich wirkt es surreal, wie ruhig und friedvoll wir hier leben, während im Nachbarland bereits seit drei Jahren ein Bürgerkrieg tobt, dessen Ende nicht in Sicht ist. Doch was für mich neu und spannend ist, gehört hier in Israel zum Alltag.

An den Nachmittagen unternehmen wir Ausflüge in die nähere Umgebung – nach Tiberias, eine der vier heiligen Städte Israels, wo Rahel, die Frau des Rabbi Akiba begraben liegt; an den See Genezareth, in dem wir uns von der drückenden Hitze erfrischen; in das Wadi, ein Tal, nur wenige hundert Meter von unserem Feld entfernt. Dort beugen sich Felder voll wildem Weizen und gelbblühenden Rapspflanzen im Wind. Darüber ziehen einige Störche, die auf dem Weg nach Nordeuropa pausieren, ihre Kreise; manche sitzen auch auf den Kronen vereinzelt stehender Bäume.

See Genezareth 2Wadi I

Sobald der Abendhunger kommt, ernten wir noch einmal für uns selbst und kochen Pasta mit allerlei Gemüse, Ratatouilles oder Reispfannen. Nicht fehlen darf dabei die Tahina (sprich: „Tchina“) – eine Sesampaste, die zusammen mit Olivenöl, Wasser, Zitronensaft, Salz, Pfeffer und frischem Koriander einen herrlich cremigen Dipp für ofenwarmes Pita-Brot ergibt. „Tahina bedeutet Leben“, wurde ich bereits an meinem ersten Tag in Hokuk aufgeklärt.

Als die Sonne über dem Kibbuz untergeht, färben sich die Wolken puderrosa. Daniel, die beiden Mädels und ich sitzen auf Plastikstühlen vor dem großen Zelt und hören amerikanischen Rock auf einer israelischen Radiostation. Es ist ein schöner Abend.

Sonnenuntergang in Hokuk

Für alle, die selbst aktiv werden wollen: Fast jedes Land hat eine eigene Wwoof-Seite. Für Israel ist es zum Beispiel diese. Für eine Schutzgebühr von rund 25 Euro kann man sich auf der Seite anmelden – erst dann hat man Zugriff auf die Kontaktdaten der Farmbesitzer. Per E-Mail oder Telefon vereinbart man mit ihnen den genauen Wwoof-Zeitraum. Das ist in der Regel sehr unkompliziert und nimmt nur wenig Vorlaufzeit in Anspruch.

Ihre Meinung Bitte nett bleiben!

Stay tuned - never miss a good story!schliessen
oeffnen