Basel: Gerhard Richter in der Fondation Beyeler ← 24. Juni 2014

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Gerhard Richter gilt vielen als wichtigster Maler der Gegenwart. Das Werk des 82-jährigen Wahlkölners lässt sich nun in einer eine beglückenden Retrospektive in der Fondation Beyeler in Riehen erleben

Gerhard Richter Werke 097Gerhard Richter 2014 017Da ist dieser große lange Raum mit freiem Blick nach draußen und seinem weichen, klaren Licht, der zeigt, was Bilder können, wenn man sie nur lässt. Fünf riesige abstrakte Gemälde der Serie „Cage“ (2006) prägen die Längswand, mehrfach überlagerte Farbflächen, -schlieren und Verwischungen, fließend wie verspiegelt unter bewegter Oberfläche. Gegenüber hängen fünf große Rhomben von 1998, unter deren tiefem Rot Störungen hervorgeschabt sind, Durchblicke in graue oder farbkräftige Untergrundstrukturen. Schräg aufgestellte Glasscheiben in der Raummitte lassen sie fließen, spalten sie auf, setzen sie neu in den Raum. Das ist atemberaubend. Und dann, an der Stirnseite, ein großes „Seestück“: Grauer Himmel, ein graues, stilles Meer. Welche Ruhe.
Die Fondation Beyeler in Riehen verwandelt ihre Retrospektive von Gerhard Richters Zyklen und Serien in einen fantastischen Parcours, der Raum für Raum in neue Welten führt.

Gerhard Richter 2014 037Richter, dieser zurückhaltende Mann, gilt vielen als wichtigster lebender Künstler der Welt. Hier kann man ahnen, warum. Der heute 82-jährige Wahlkölner scheint sich im Laufe seiner Karriere gehäutet zu haben wie davor nur Picasso. Die Bilder seiner DDR-Zeit verbrennt er als  Student in Düsseldorf 1962.

Die Lernschwestern

Die Lernschwestern

Dem damals hippen gestischen Furor des Abstrakten Expressionismus setzt er skandalös schlichte, figurative Gemälde entgegen: Die leicht unscharfen Motive, die er von Zeitungsfotos abmalt, sind bis heute weltberühmt. Technisch perfekt wie alles, was er für gültig erklärt, rätselhaft in ihrer malerischen Behauptung und paradox in ihrer Haltung: Sie negieren mit Komposition und Einfall zentrale Kategorien. Aber  sie bewahren sie doch. Richter produziert später  große abstrakte Gemälde, Raster aus Farbquadraten, stille Seebilder, Alpenpanoramen, übermalt, greift zum Glas, bemüht den Zufall oder meditiert in grauen Farbflächen. Doch kein neuer Stil ersetzt einen alten, an ihren Fragestellungen arbeitet Richter ein Leben lang. Hans Ulrich Obrist zeigt all diese Phasen in Zyklen und bildet Räume aus den großen Abstraktionen („Bach“, „Cage“, „Wald“), der Fortschreibung von Tizians „Verkündung“ (siehe rechts), zeigt die schlichten Porträts der „Lernschwestern“ und packt zwischen diese Reihen immer wieder Einzelbilder als „Störfaktoren“.

Gerhard Richter macht sich aus dem Medienhype einen Spaß und fotografiert zurück

Gerhard Richter macht sich aus dem Medienhype einen Spaß und fotografiert zurück

Eine Meditation wie die „Kerze“ hier, die zur Ikone gewordene, geheimnisvoll abgewandte „Betty“ dort. Richters so vielgestaltiges Werk fußt auf einer  Grundannahme. Die Malerei steckt in der Krise, sie hat alle Fragen gestellt und alle Antworten gegeben. Richters Antwort auf die Krise: Sie mit allen Mitteln zu verteidigen und fortzuführen. So bewegt er sich weder innerhalb noch außerhalb des Zeitgeistes und vollbringt das Wunder, nie veraltet zu wirken. „Revolutionär“ wird Richter gerne genannt. Aber sein Werk ist immer beides: Umdeutung des Bisherigen und Bewahrung der Tradition. 1983 malt er  ganz schlicht Totenschädel, als dürfe das Memento mori nicht vergessen werden. In den zynischen 90ern malt er „S. mit Kind“ –  Madonnenbilder! Und  zarteste Blumen, hochartifiziell, aber sehr berührend. Was er damit will? Sie malen. Die Vorstellung, sie hätten zeitlose Qualität, bewegt ihn. Zu dem, was sein Werk auszeichnet, gehören vier Aspekte. Erstens: Richters Bilder sind technisch und kompositorisch brillant. Zweitens: Sie besitzen eine ungewöhnliche emotionale Tiefe. Drittens: Noch die abstraktesten Gemälde bewahren  etwas, das sie nicht erklären. Viertens: Sie haben  intellektuelle Tiefe und stellen ungewöhnliche Fragen. Dafür steht exemplarisch der RAF-Zyklus „18. Oktober 1977“ mit seiner Befragung von Realität, Urteil, Bildmachung, Festlegung.
Gerhard Richter 2014 101 Gerhard Richter 2014 014Zuletzt hat Richter Pinsel, Rakel und Farbtöpfe beiseitegelegt. Seine riesigen Streifenbilder  von 2013, die frühe Farbtafelbilder  aufgreifen, flirren ins Ungreifbare, je näher man ihnen kommt. Sie haben ihren Ursprung in einem abstrakten Gemälde Richters, dem er Details entnimmt, vielfach spiegelt und vom Computer auf zehn Meter Länge monumental aufziehen lässt. Das hat etwas Testamentarisches, durch die fast metaphysische Verwandlung wird das Werk zeitenthoben und zugleich bewahrt. Am Ende ist Richter vielleicht der größte lebende Beweis für eine innerlich existenzielle Dringlichkeit der Malerei. Welche Herausforderungen er für sich noch sehe, wird er auf der Pressekonferenz gefragt. „Weitermachen.“

Info: Gerhard Richter „Bilder/Serien.“ Fondation Beyeler, CH-4125 Riehen. Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr, www.fondationbeyeler.ch.

Du interessierst dich für Kunst? Hier finden Sie eine Rezension der Gauguin-Ausstellung und hier einen Bericht über die Feierlichkeiten in s’Hertogenbosch anlässlich Hieronymus Bosch 500. Todestag.

Quelle: „Der Sonntag“, mit freundlicher Genehmigung von René Zipperlen, Redakteur bei „Der Sonntag“, alle Fotos: Geraldine Friedrich

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