Kinderhotel: Ghetto oder Genuss? ← 11. März 2014

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Kinderhotel Oberjoch Während die Kinder betreut werden, können die Eltern wellnessenFerien im Kinderhotel – das klingt für mich zunächst so spannend wie Streichelzoo und Bauernhofurlaub zusammen. Kinderhotels liegen in der Regel in idyllischen Lagen in „touristisch attraktiven“ Regionen und verfügen sehr oft auch über einen Streichelzoo.

So weit so gähn. Ich bin in einem badischen 2000-Einwohner-Dorf neben einem Kuhbauern aufgewachsen: die Melkmaschine für die etwa 40 Kühe brummte jeden Morgen um fünf Uhr und Hühner kamen uns im Garten besuchen. Die Faszination für das Landleben samt institutionalisiertem Berühren haariger Nutztiere hat sich mir bis heute nicht erschlossen.

Was spricht für einen Urlaub im Kinderhotel?

Entscheidend für einen erfolgreichen Kinderhotelurlaub ist aber – und das habe ich gelernt – weniger die ländliche Umgebung samt verfügbarer Viecher als die Infrastruktur des Hotels. So auch beim Kinderhotel Oberjoch in Bad Hindelang, in der ich samt Mann und Sohn kürzlich meine erste Kinderhotelerfahrung machen durfte. Konkret: Es gibt eine Kinderbetreuung, es gibt ausreichend Spielfläche für Kinder drinnen und draußen und im Hotelrestaurant wird nicht gemeckert, wenn das Kind die Suppe nicht immer in den eigenen Mund löffelt, sondern auch das mitgebrachte Kuscheltier füttert. Ziel des Ganzen: Die Eltern sollen sich von der Doppelgrätsche Arbeit und Familie erholen können und ihre geliebten Kleinen glücklich und bespaßt wissen.

Eins der vielen Spielzimmer im Kinderhotel Oberjoch

Eins der vielen Spielzimmer im Kinderhotel Oberjoch

Gute Familienhotels, schlechte Familienhotels

Nun gibt es solche und solche Familienhotels. Manch ein Hotel, welches sich als Familienhotel beschreibt, wird von einer Familie betrieben und verfügt daher über eine familiäre Atmosphäre – ein kinderfreundliches Hotel ist es damit noch lange nicht. Einer der häufigsten Mogelpackungen, die mir bislang bei kinderfreundlichen Unterkünften begegnet sind, ist es mit Kinderbetreuung zu werben, diese aber nur zu bestimmten Ferienzeiten oder in engen Zeitfenstern wie 10 bis 12 Uhr anzubieten, dies gerne kombiniert mit dem pädagogisch-wertvollen Hinweis, dass die Kinder ja auch im Urlaub Zeit mit ihren Eltern verbringen sollen. Der wahre Hintergrund ist natürlich, dass das Bereitstellen einer lückenlosen Kinderbetreuung von – sagen wir  – 9 bis 18 Uhr einfach Personal und damit Geld kostet. Wer aber selbst Kinder hat, weiß, dass der Nachwuchs nicht wie ein ferngesteuerter Roboter zu vorgebenenen Zeiten Lust auf Gesellschaft mit zunächst für ihn fremden Kindern und  Kinderbetreuerinnen hat. Urlaub mit Kinderbetreuung heißt für mich, dass die Familie, allen voran das Kind selbst, Spielraum hat zu entscheiden, wann es überhaupt Lust auf Kinderbetreuung hat.

Kinderhotel Oberjoch: Warten auf den Skibus

Kinderhotel Oberjoch: Warten auf den Skibus

Warum flexible Kinderbetreuung wichtig ist

Und genau das ist beim Kinderhotel Oberjoch möglich: Das Haus bietet von morgens acht Uhr bis abends 22 Uhr eine lückenlose Kinderbetreuung an, inklusive Begleitung zu den Mahlzeiten. 20 Kinderbetreuer und -betreuerinnen kümmern sich in fünf verschiedenen Altersgruppen um den Nachwuchs. Natürlich bringen nur die wenigsten Eltern ihre Kids den ganzen Tag dorthin, mein viereinhalbjähriger Sohn ging in insgesamt drei Tagen unseres Aufenthalts nur zwei Stunden in die Betreuung plus einem Vormittag Schnupper-Skikurs. Aber egal: Es gab einfach die Möglichkeit nach Lust und Laune zu entscheiden, ob mein Sohn gehen möchte oder nicht. Rekordhalter im Oberjoch als bislang jüngstes betreutes Kind ist übrigens ein Neugeborenes, welches die Eltern, die insgesamt mit vier Kindern anreisten, vertrauensvoll in die Hände der Kinderbetreuerinnen des Babyhotels gab: Das Baby war gerade mal 13 Tage alt. Am Rande bemerkt: Gutes Hotelpersonal ist knapp und so dürfen auch die Mitarbeiter ihre eigenen Kinder im Hotel betreuen lassen. Und was machen die Erwachsenen mit der gewonnenen Zeit? Antwort: Skifahren, Sauna, Schlafen, Sex – irgendwie müssen die künftigen Kinder fürs Kinderhotel ja „produziert“ werden. Spezielle Männerbetreuung gibt es immerhin in Form von „Poker mit Holger“.

Kinder können Kinderhotel auf eigene Faust erkunden

Die Kuschelecke à la Emmentaler bietet Höhlen-Feeling

Die Kuschelecke à la Emmentaler bietet Höhlen-Feeling

Wir hatten das große Glück, dass mein Sohn bereits am ersten Abend einen anderen fünfjährigen Jungen kennenlernte und die zwei ab diesem Zeitpunkt unzertrennlich als Doppelpack die großzügigen Speiseräume und mondäne Lobby des Hotels erkundeten. Die Kinderbetreuung war damit für uns überflüssig geworden. Die Räumlichkeiten im Oberjoch sind so, dass man sich keine Sorgen machen muss, auch wenn die Jungs aus dem Blickfeld waren. Einer der beliebtesten Hotspots unserer Jungs war die Lobby, ausgestattet mit Schaukelpferd und überdimensionalen Fliegenpilzen, die gleichzeitig auch als Hütte dienten. Die Attraktivität dieser Lobby erleichtert übrigens bereits bei der Ankunft den Eltern das Einchecken, denn die Kids stürzen sich nach der längeren Autofahrt auf die Pilze samt der drum herum liegenden Riesen-Bauklötze aus softem Material. Nicht ganz bedacht hatte Hoteleigentümer Ernst Mayer die Tatsache, dass der Schuss auch nach hinten los gehen könnte: Nämlich genau dann, wenn es ans Aus-Checken geht. Tatsächlich soll es beim Abschied von den Riesenpilzen schon öfter Tränen gegeben haben.

Kinderlose haben im Kinderhotel nichts verloren

Beliebter Treffpunkt: Die Fliegenpilze in der Lobby

Beliebter Treffpunkt: Die Fliegenpilze in der Lobby

Das Highlight unseres Aufenthalts gipfelte darin, dass sich die zwei Jungs abends nebeneinander auf Hockern an die Hotelbar setzten und sich bei Limonade unterhielten – zwei Stunden lang. Kein Toben, kein Schreien, nein, sie redeten einfach miteinander, sitzend, auf Barhockern, ohne einmal runterzufallen. Diese für mich immer noch unfassbare Situation war, so denke ich im Nachhinein, nur in einer echten kinderfreundlichen Atmosphäre mit entspanntem Personal möglich, in der die Eltern wissen, dass ihr Kind ganz egal, was es tut, nicht als Störenfried angesehen wird. Beeindruckend finde ich in diesem Zusammenhang auch, mit welcher Konsequenz, Hotelgäste ohne Kinder abgewiesen werden: Wer im Oberjoch Urlaub machen will, muss mit mindestens einem Kind bis 16 Jahre anreisen, sonst wird die Reservierung abgelehnt. Damit will die Hotelleitung Reibereien zwischen kinderlosen Paaren und Familien vermeiden. Dazu muss man auch wissen, dass das Hotel erst im Juni 2012 mit diesem radikal auf Kinder ausgerichteten Konzept seine Pforten eröffnete. Bereits im Jahr 2013 erreichte das Haus eine Auslastung von 80 Prozent.

Infrastruktur und kurze Wege zeichnen Kinderhotel aus

Die Infrastruktur im Kinderhotel Oberjoch ist durchdacht, zudem jagt ein Superlativ den anderen: Die fünf verschiedenen Altersgruppen haben 2000 Quadratmeter Platz, es gibt ein mehrstöckiges Indoor-Klettergerüst aus softem Material samt Röhrenrutsche, ein großes Hallenbad samt Riesenröhrenrutsche, eine kleine Indoor-Schlittschuhbahn samt Schlittschuhen in den Regalen, der Skiverleih befindet sich im Hotel, will heißen, Eltern können für sich und ihre Kinder entspannt zwischendurch eine komplette Skiausrüstung leihen, der Bus, der die Kids zum Kurs bringt, fährt direkt ab dem Hintereingang. Niemals im Leben hätten wir uns für einen Schnuppervormittag nochmals extra ins Dorf begeben um Ski fürs Kind auszuleihen oder gar einen Skikurs zu buchen. Natürlich gibt es ein Planschbecken für die Kleinen mit pipiwarmem Wasser und allerlei Schnickschnack, für die Eltern mehrere Saunen und einen schönen Außenpool mit Bergpanorama. Fazit: Ein Kurzurlaub mit Kinderhotel ist eine tolle Erfahrung, wenn man sich darauf einlässt, die Zeit für sich nutzt, sich am Kinderbuffet weder an Pommes noch an Chicken Wings stört und auch nicht an den 266 anderen Kindern, die sich rein theoretisch zur Mittagszeit bei Vollbelegung im Restaurant befinden könnten. Es gibt auch einen Streichelzoo mit zwei Alpaka, zwei Ponys und einer Hasenvilla. Wir haben ihn kein einziges Mal besucht.

Der Artikel entstand mit Unterstützung (Pressereise) des Kinderhotel Oberjoch

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