Island im Winter: Eis trifft Feuer ← 22. März 2014

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Im Sommer lockt Island mit farbenprächtiger Natur und speziell der Norden um Akureyri mit Whalewatching. Im Winter bilden Islands heiße Quellen und dampfende Fumarole mit der Schneelandschaft einen starken Kontrast.

Island 2012 Myvatn 2Bereits der Anflug entpuppt sich als Erdkundestunde, glücklich sind diejenigen, die einen Fensterplatz in Flugrichtung rechts ergattert haben: Etwa eine halbe Stunde vor der Landung in Reykjavik zeigt sich der schneebedeckte Südosten mit seinen konisch geformten Vulkanen. Städte? Straßen? Menschen? Von oben erinnert die Winterwüste an eine der sehr süßen Torten, deren oberste Schicht aus Eischnee-Häubchen besteht.

Island im Sommer, die baumlose bergige Landschaft mit ihren changierenden Grün-, Braun- und Rottönen, kennen die meisten Touristen, die die Inselnation im Atlantischen Ozean besuchen. Doch wer sich im Winter, etwa in der Vorweihnachtszeit, auf die Insel begibt, lernt das Land abseits großer Touristenströme kennen. Die Dezembertage auf der Insel, welche nur knapp südlich des Polarkreises liegt und dessen nächster Nachbar das dänische Grönland ist, beginnen gegen 11 Uhr, ab 14 Uhr dämmert es bereits wieder. Für Isländer ist das normal, für lichtverwöhnte Festlandeuropäer eher gewöhnungsbedürftig.

Die Lobby des Reykjavik Marina im Hafenviertel der Hauptstadt

Die Lobby des Reykjavik Marina im Hafenviertel der Hauptstadt

Es ist Samstag in Reykjavik und viele Städter verbringen diesen Winterabend in der Bar des Reykjavik Marina, einem Hotel, welches sich mit seinem Retro-Look an ein urbanes lässiges Publikum richtet: Die Schlangen sind lang, es ist Happy-Hour. Menschen sitzen mit Cocktails auf Sesseln, eine Mutter stillt ihr Baby neben dem offenen Feuer. Die Menschen mit ihrem Hang zur Lässigkeit erinnern an Skandinavier– was nicht überrascht, denn Isländer sind Nachfahren ausgewanderter Norweger, Schweden und Kelten. Neben bunten Tapeten und knallorangen runden Glaslampen hält das Hotel noch weitere Design-Nettigkeiten parat. Die Wand des Hotelzimmers zeigt über dem Doppelbett eine überdimensionale topographische Islandkarte, sie eignet sich durchaus für eine erste Routenplanung. Außenwand und Klo-Spülkasten zieren flotte Sprüche à la „Schöner Aussicht – was?“ oder „Das Bad ist zwar etwas klein, aber wir wollen ja nicht vom Wesentlichen ablenken“. Auf dem kleinen Balkon hängt ein Rettungsreifen am Geländer. Kein Luxus, aber ein Sinn für Details, welche die Herzen unkonventioneller Freigeister höher schlagen lässt.

Island 2012 003In den vergangenen zehn Jahren sind Kurz-Trips nach Reykjavik schick geworden. Dazu trägt auch das Stop-Over-Programm von Iceland Air bei. Die Fluglinie fliegt ganzjährig ab Frankfurt und München direkt nach Island, von dort fliegt sie weiter bis zu zehn verschiedene Flughäfen in den USA und Kanada an. Im Sommer bedient Iceland Air auch Hamburg und Zürich. Ein Zwischenstopp von bis zu 7 Tagen ist ohne Flugaufpreis möglich, diese Tage können auch auf die Hin- und Rückreise verteilt werden. In Islands Hauptstadt locken Bars und Restaurants, die Blaue Lagune in unmittelbarer Nähe des Flughafens und das Goldene Dreieck, einer Region nah bei der Hauptstadt, die einige von Islands wichtigen Sehenswürdigkeiten vereint, wie etwa den Großen Geysir (von isl. „gjósa“ = hervorsprudeln). Zwei Übernachtungen reichen aus für einen entspannten Ausflug zur Blauen Lagune, der üblicherweise gleich nach der Ankunft auf dem Weg in die Innenstadt erfolgt. Die Busfahrt dauert mit dem „Flybus“ vom Flughafen Keflavik nur 20 Minuten, das Gepäck wird während des Badeausflugs im Bus aufbewahrt. Wichtig: Badesachen müssen ins Handgepäck, Handtücher gibt es vor Ort. Für den folgenden Tag lohnt sich das Goldene Dreieck.

Island 2012 Fumarole 1Wer etwas mehr Zeit mitbringt oder Reykjavik und Goldenen Zirkel schon kennt, kann mit der Icelandair-Tochter Air Iceland weiter nach Akureyri fliegen und dort dampfende Fumarole bewundern, tektonische Plattengrenze besichtigen, den spektakulären Wasserfalls Dettifoss besuchen, einigen bekannt aus der Anfangsszene des Filmes „Prometheus“. Außerdem gibt es im Norden sehr gute Möglichkeiten im Sommer Wale zu beobachten. Der Norden rundum Akureyri ist unberührter und weniger bewohnt als der – für isländische Verhältnisse –dicht besiedelten Südwesten. Die schroffe fast baumlose Landschaft begeistert Naturfreunde. Wer hierher kommt, lernt Geologie – ob er will oder nicht. Inmitten der weißen Winterlandschaft treten aus den drei eng beieinander liegenden Fumarolen Hverir, die direkt an der Ringstraße nur 5 km östlich von dem Dorf Reykjahlíð liegen, grau-dampfende Rauchsäulen, vor dem orangefarbenen Horizont der untergehenden Sonne sehen sie aus wie ein biblisches Inferno. Kurze Zeit später in der Nähe des Myvatn Sees ist der Blick von einem vielleicht drei Meter hohen Hügel in eine zwei Meter tiefe Erdspalte ein Muss, denn genau diese Spalte trennt Nordamerika von Europa. Der theoretische Begriff der Plattentektonik wird exakt an diesem Punkt auf faszinierende Art sichtbar: jedes Jahr driften West- und Ostisland zwei Zentimeter auseinander. Dass das Land nicht auseinanderbricht, liegt einzig an einem Aufstrom, einer sogenannten Plume, unterhalb der Insel. Dieser Island-Plume bringt immer wieder neues Gestein an die Erdoberfläche, Island wächst also aus der Mitte in die Breite. Direkt unterhalb dieser Erdspalte befindet sich ein 30 Kilometer langes Höhlensystem namens Grjotagjá samt eines kleinen Sees, in dem Isländer und Touristen seit dem 18. Jahrhundert in nunmehr 45 Grad warmem Wasser baden. Von den 1970er Jahren bis 2004 war das Baden dort allerdings verboten, da die Temperatur aufgrund geothermaler Aktivität bis zu 60 Grad gestiegen war. Wer erinnert sich in solchen Momenten nicht an die Szene aus „Dante’s Peak“, in der zwei Jugendliche in plötzlich aufkochendem Wasser verenden? Dieser Film sei wahnsinnig schlecht und die Szene unrealistisch, schimpft Sigurdur Erlingsson, 35, der über die Insel führt. Und wie um dies zu bestätigen, nimmt er später mit einer Gruppe Deutscher ein Bad in den Myvatn Nature Baths, welche durch natürliche heiße Quellen gespeist wird. Alle überleben – dank Lavaschlamm mit samtweicher Haut.

Island 2012 Friedhof 3Mit Spikes auf den Reifen brettert es sich auch gut mit 90 Kilometer pro Stunde über die vereisten Straßen. Plötzlich fährt Erlingsson rechts ran: Es zeigt sich ein Nordlicht am Himmel, allerdings nur schwach und überhaupt nicht poppig grün, wie man es von Postkarten kennt: Je länger man in den Nachthimmel blickt, desto deutlicher wird es zwar, grün ist es allerdings nie. Die Erklärung dafür ist einfach; denn diese leuchtenden Farben schaffen nur Profi-Fotografen mit langen Belichtungszeiten. Lichttechnisch spektakulärer präsentiert sich eine Besonderheit, die nur im Winter zu sehen ist: Islands Friedhöfe, denn Isländer ehren ihre Toten zur Adventszeit mit beleuchteten Kreuzen. Auf jedem einzelnen Grab bringen Freiwillige um die Adventszeit ein mit Lämpchen versehendes Zweitkreuz an, welches den ganzen Tag brennt. Ein schönes Ritual.

Infos

Allgemeine Infos erteilt Visit Iceland

Anreise: Mit Iceland Air Flüge ab Frankfurt, Hamburg, München und Zürich, mit Wow Air ab Berlin, Düsseldorf, Stuttgart, Zürich und seit 2014 auch Basel. Ein Inlandsflug vom Inlandsflughafen (!) Reykjavik (RKV) nach Akureyri mit Air Iceland gibt’s separat ab etwa 160 Euro. Wichtig: Der Inlandsflughafen liegt in der Nähe des Stadtgebiets, der internationale Flughafen Keflavik 50 km außerhalb.

Reykjavik-Touren per Fahrrad und Segway bietet die Deutsche Ursula Spitzbart an, auch Familientouren sind im Programm, Anhänger, Kindersitze, Kinderfahrräder, Helme etc. werden gestellt, mehr bei Reykjavik Bike Tours.

Unterkunft: In Akureyri gibt es mit Akureyri Backpackers eine nagelneue Budgetunterkunft, Ü/F im Vier-Bett-Zi ca. 29 Euro. Tel. +354 578 3700. Wer es lieber schicker mag, ist im Iceland Air Hotel Akureyri besser aufgehoben. Reykjavik: Direkt am Hafen liegt das im Text beschriebene Reykjavik Marina. Preise für beide täglich schwankend, DZ/F ab etwa 140 EUR möglich.

Essen & Trinken, Nachtleben, Szene: Ein nettes, auch bei Einheimischen beliebtes Restaurant ist das „Höfnin“, in der Nähe des Hotels Reykjavik Marina, in Akureyri lohnen sich die leckeren Kuchen im Bláa Kannan in der Hafnarstræti 96.

Literatur: Sehr detailreich, umfassend und aktuell ist der Reiseführer Island aus dem Michael Müller Verlag von Jens Willhardt und Christine Sadler. 732 Seiten, 6. Auflage 2012, ISBN 978-3-89953-689-8, 24,90 EUR, ebenfalls hilfreich ist das Reise-Handbuch Island von Sabine Barth, 432 Seiten, Mairdumont, 2. Auflage 2012, ISBN 978-3-77017–684-7, 22,95 Euro.

Warum auf Island jeder jeden kennt und vieles mehr über Island beschreibt die Deutsche Ursula Spitzbart amüsant in „Zwischen Licht und Dunkel – Abenteuer Alltag in Island“, die aus Nürnberg stammende Autorin Spitzbart ist mit einem Isländer verheiratet und lebt seit 2003 in Island. 276 Seiten Taschenbuch mit Fotos, Dryas Verlag, Frankfurt, ISBN 978-3-940855-24-4, 14,50 Euro.

Island 2012 Landschaft 1

1 Kommentar

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  • Jutta - 27. März 2014 Antworten

    Nun, die Aurora lässt sich schon mit bloßem Augen beobachten, wenn sie stark genug ist. Also nicht nur etwas, das ausschließlich Profi- (oder Hobby-) Fotografen im Bild festhalten könnten. Am 27. Februar war die Aktivität auf der Nordhalbkugel so stark, dass man Polarlichter sogar in unseren Breitengraden beobachten konnte. Ich war zu dem Zeitpunkt in Island unterwegs und habe – mit bloßem Auge – Aurora in Grün bis Pink-Rot beobachtet. An drei aufeinanderfolgenden Tagen übrigens. Sonnige Grüße, Jutta

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