Lausanne: Reben und rohe Kunst ← 13. Februar 2014

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Lausanne liegt nicht nur idyllisch zwischen Reben am Genfer See, sondern hat auch mit der Collection de l’Art brut ein weltweit einzigartiges Museum

Blick auf die Reben des Kanton Waadt bei Lausanne von der Montreux aus

Links erheben sich die waadtländischen Weinreben auf Terrassenfeldern, rechts erkennt man die Dents du Midi, eine gezackte Bergkette der Westalpen im Kanton Wallis, verewigt in den Bildern des berühmten Schweizer Malers Ferdinand Hodler. Bei strahlend blauem Himmel ist der Schaufelraddampfer Montreux am Sonntagnachmittag gut gefüllt, die wenigen Liegestühle sofort besetzt.

Einheimische und Touristen mögen die Fahrt mit der Montreux ab Lausanne-Ouchy. „Ich bin oft hier und finde den Anblick auf die Reben des Lavaux immer noch wunderschön, obwohl ich ihn schon bestimmt 30 mal gesehen habe“, erklärt Fred Briggen, der in Bern lebt, aber aus Neuchâtel in der Französischen Schweiz stammt. Japanische Touristen werden nicht müde sich selbst mit Berg- und Seepanorama per Smartphone zu verewigen. Der Dampfer wurde bereits 1903 erbaut und 2001 als einziger der Welt mit einer ferngesteuerten Dampfmaschine ausgestattet. Seine rotierenden Kolben lassen sich übrigens inmitten des Schiffes gefährlich nah bewundern.

Wasserburg Chillon vom Badestrand aus 3

Nach gut anderthalb Stunden erreicht die Montreux ihre Endstation, die Wasserburg Chillon. Danach tuckert sie wieder auf derselben Route über Montreux, Vevey – inklusive Blick auf das Headquarter des Lebensmittelmultis Nestlé –  und Lutry zurück. Die Festung Chillon, über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten auf einer nur zehn Meter vom Ufer entfernten Felseninsel erbaut, ist die meist besuchte historische Sehenswürdigkeit der Schweiz. Zwei Stunden sollten sich Besucher Zeit nehmen, Erwachsene fasziniert Geschichte und Architektur, für Kinder ist es die perfekte Ritterburg. Den schönsten Blick auf die Burg haben Besucher kurz vor dem Anlegen oder an einer nur wenige Meter entfernt von der Burg liegenden kleinen Badebucht. Auch schwimmend lässt sich Nordfassade gut anschauen. Wer mag, spaziert entlang des Sees eine knappe Stunde auf einem idyllischen Weg nach Montreux und nimmt von dort wieder den Zug nach Lausanne zurück.

Japanische Touristinnen fotografieren sich an Bord der Montreux - und haben sichtlich Spaß dabei

Japanische Touristinnen fotografieren sich an Bord der Montreux – und haben sichtlich Spaß dabei

Weniger idyllisch, jedoch unbedingt sehenswert ist die Collection de l’art brut etwas außerhalb des Zentrums. Die „Sammlung roher Kunst“ vereint Werke von Gefängnisinsassen, psychisch Kranken und gesellschaftlichen Außenseitern. Ihr Konzept erinnert an die Prinzhorn Sammlung in Heidelberg. Die Wände des Museums sind schwarz, die Klimaanlage kühlt den Raum auf 20 Grad. Alle Künstler, die meisten inzwischen verstorben, hatten traumatische Kindheitserlebnisse, wie etwa Madge Gill (1882-1961) aus London, die als uneheliches Kind ihre ersten acht Jahre versteckt im Keller verbringt. Nach dem Tod eines Sohnes, einer weiteren Totgeburt sowie der Erblindung auf dem linken Auge beginnt sie im Halbdunkel bis zu zehn Meter lange Zeichnungen anzufertigen. Sie zeigen unendlich viele Frauengesichter, die einem anblicken und verstörend wirken. Der als „Gefangener von Basel“ bekannte Josep Giavarini (1877-1934) formt im Gefängnis Figurengruppen, zunächst notgedrungen aus Brotkrümeln, später auch aus Ton. Der aus Italien stammende Familienvater und erfolgreiche Bauunternehmer muss mit 51 Jahren ins Gefängnis, weil er eine untreue (!) Geliebte im Affekt erschießt. Der Berner Maler Adolf Wölfli (1864-1930) stammt aus einer armen Familie, ist mit acht Jahren bereits Waise, muss als Verdingbub auf Bauernhöfen arbeiten und wird misshandelt. Nach mehreren versuchten Vergewaltigungen muss er ins Zuchthaus, später landet er in der Psychiatrie.

Collection l'art brut bedeutet übersetzt so viel wie "Sammlung roher Kunst". Das dreidimensionales Muschelbild von Paul Amar wirkt kitschig, beeindruckt aber durch seine filigrane Arbeit.

Collection l’art brut bedeutet übersetzt so viel wie „Sammlung roher Kunst“. Das dreidimensionale Muschelbild von Paul Amar wirkt überladen und kitschig, beeindruckt aber durch seine filigrane Arbeit.

Die farbenprächtigen Muschelskulpturen des 1919 in Algier geborenen Paul Amar gehören zur neuen Generation der Sammlung. Der ehemalige Taxifahrer und Frisör vereint mit den anderen, dass er, wie vom Gründer der Sammlung, dem französischen Maler und Bildhauer Jean Dubuffet (1901-1985), gewollt, nie eine akademische Kunstausbildung genoss. In der Psychiatrie oder im Gefängnis war er dagegen nie. Unverdorben vom kommerziellen Kunstbetrieb soll sie sein, die Kunst. Daher bezahlt das Museum nie für die Werke, sondern nimmt nur Schenkungen an.Dreidimensionales Landschaftsbild aus Muscheln des künstlerischen Autodidakten Paul Amar

Allgemeine Informationen erteilt Lausanne Tourisme sowie Schweiz Tourismus, kostenlose Hotline in D unter 00800 100 200 29

Anreise und Tickets: Mit Zug z.B. ab Mannheim etwa 4,5 Stunden nach Lausanne, hin und zurück mit BC50 etwa 111 Euro. Ein Kombiticket für Dampfer, Fahrplan hier, und Zug von Lausanne nach Chillon und zurück kostet ca. 27 Euro, erhältlich auf Schweizer Bahnhöfen.

Übernachten:

Bernaldo B&B im Hafenviertel Ouchy bietet individuell eingerichtete Zimmer, DZ/F ca. 110 CHF

Im modernen Lhotel im Ausgehviertel Flon erhält der Gast statt einem Fernseher einen Ipad DZ/F 158 CHF

Jugendherbergscharme bietet ein Familienzimmer mit vier Etagenbetten im Lausanne Guesthouse ab 146 CHF

Ein klassisches Vier-Sterne-Businesshotel in Bahnhofsnähe ist das Mirabeau, DZ/F ab 290 CHF

Sehenswertes:

Gotische Kathedrale (Baubeginn 1170) mit berühmter Fensterrosette aus dem 13. Jahrhundert, ursprünglich katholisch, seit der Reformation protestantisch

Collection de l’art Brut: Kunst, die nicht kommerziell sein will und deren Künstler sich oftmals nicht als solche verstehen, ein absolutes Highlight Lausannes

Olympisches Museum: frisch renoviert und wieder eröffnet, es liegt nah am Hafen, wo auch die Montreux ablegt,

Fondation Hermitage: Wunderschön gelegener Herrensitz mit immer wieder wechselnden Kunstausstellungen

Metro: Die einzige U-Bahn der Schweiz fährt seit 2008 in Lausanne, dank der Linie 2 erspart man sich einige Höhenmeter zu Fuss, sehr geeignet, wenn man von der Innenstadt nach Ouchy (Hafen) möchte

Restauranttipps: Knusprige Eglifilets etwas außerhalb in der Auberge de la Gare, in Lausannes Altstadt empfiehlt sich das Grütli, im coolen Stadtteil Flon das „Le Nomade“, für Burger-Fans die Holy Cow

Shopping:  Delikatessen wie die legendäre Wurst mit Weißkraut (Saucisses aux Choux) gibt es mitten in der Stadt im La Ferme Vaudoise. Schokolade wie vor 100 Jahren gibt es bei der Chocolaterie Blondel

Events: Alljährlich findet im Juli das Kunstfestival Festival de la Cité statt – eine Woche Theater, Graffiti, Konzerte, Skulpturen, Lichtkunst. Für die Zuschauer sind die Darbietungen gratis. Von November bis Ende Dezember verschönert sich Lausanne mit Open-Air Lichtkunst beim Festival Lausanne Lumières, fast zur selben Zeit findet auch der Weihnachtsmarkt statt

Rolex Learning Center Architektur a la Emmentaler 1

Insidertipp: Das Rolex Learning Center ist die Bibliothek der EPFL und eigentlich keine Sehenswürdigkeit. Die kühne und kühle Architektur des von dem japanischen Architektenbüros SANAA erst 2010 erbauten Gebäudes, Kosten 100 Mio. CHF, lohnt jedoch in jedem Fall einen Ausflug. Tgl. von 7 bis 24 geöffnet, ausser 1. August und 25. Dezember. Mit der Metro 1 ab Flon etwa 20 Minuten Richtung Renens, Station EPFL, Gruppenführungen möglich Kontakt accueil@epfl.ch

Literatur: „Genferseeregion“ von Barbara Reiter und Michael Wistuba enthält Lausanne, Genf, Montreux und auch die kleinen Orte dazwischen. 15,90 Euro, Michael Müller Verlag, 276 Seiten mit 151 Farbfotos, 3. Auflage 2011

Die Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus

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