Dark Tourism: Unglücksorte als Urlaubsort ← 15. November 2013

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Dark Tourism bezeichnet Reisen an Orte, die durch Tragödien oder Unglücke berühmt geworden sind und so zur Sehenswürdigkeit werden, darunter sind auch historische Stätten mit dramatischer Vergangenheit. Doch inwieweit möchte die Tourismusindustrie und deren PR-Agenturen solchen Dark-Tourism-Stätten überhaupt zu mehr Bekanntheit verhelfen?
Alles echt oder nur gespielt? Straßenszene in Nordkorea Bild: Koreanisches Fremdenverkehrsamt

Alles echt oder nur gespielt? Straßenszene in Nordkorea             Foto: Koreanisches Fremdenverkehrsamt

Ground Zero in New York, Khao Lak in Thailand, Auschwitz in Polen oder die Grenze zwischen Nord- und Südkorea oder der Bundesrepublik und der DDR, all diese Orte sind entweder durch Unglücke berühmt geworden oder bieten einen Gruselfaktor. Oftmals sind es Stätten, an denen Tausende von Menschen auf tragische Weise ums Leben kamen, entweder durch Naturkatastrophen oder durch menschliche Grausamkeiten. Die Namen dieser Orte, Gemeinden oder Städte stehen oftmals synonym für die Tragödien und werden damit – gewollt oder ungewollt – selbst zur Attraktion.

Das Menschen nach New York reisen, um dort unter anderem auch den Ort der Terroranschläge des 11. Septembers 2001 zu besuchen, ist nachvollziehbar, doch durch Unglücke werden auch Städte und Plätze zu Attraktionen, die ohne dieses Ereignis kaum Reisende angelockt hätten. Beispiel Littleton: In der 40.000-Einwohner-Stadt im US-Bundesstaat Colorado töteten am 20. April 1999 zwei Schüler 15 Mitschüler und einen Lehrer, anschließend sich selbst. Fünfeinhalb Jahre später, am 1. November 2004, bringt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Ressort Reise eine einseitige Reportage über Littleton, inklusive Info-Kasten, wie und wo interessierte Leser dorthin reisen und unterkommen können. Unter dem Titel „In jedem Traumhaus ein Herzschmerz“ beschreibt der Autor, wie Einwohner und Betroffene damals und heute mit dem Unglück umgehen. Ist Littleton dadurch zum Reiseziel geworden? Anita Goldmann, geschäftsführende Gesellschafterin der PR-Agentur Mikulla Goldmann in München, verantwortet den PR-Etat für Colorado. Sie sieht Littleton hauptsächlich als Reiseziel für Einheimische aus Colorado oder den USA. „Die Zahl der ausländischen Reisenden, die an dem Ort interessiert sind, würde ich als minimal betrachten. Wir haben aber diese Geschichte auch von unserer Seite nicht als Reisethema angeboten. Die Anfrage kam von dem Autor und wir haben ihn organisatorisch unterstützt seine eigene Geschichte zu recherchieren während er auf einer von uns organisierten Reise über Wildpferde in Colorado war.“ Als Bestandteil für eine Gruppenpressereise, wie sie standardmäßig von PR-Agenturen im Auftrag der jeweiligen Fremdenverkehrsämter für Reisejournalisten angeboten werden, käme für die PR-Expertin Littleton nicht in Frage. „Viele wissen gar nicht, dass Littleton in Colorado liegt. Warum sollen wir sie noch darauf aufmerksam machen? Wir würden grundsätzlich davon Abstand nehmen von unserer Seite eine touristische Destination mit Hilfe von Unglücksorten zu verkaufen“, erklärt Goldmann. In besagtem Fall war für die Agenturchefin ausschlaggebend, dass sie den Autor für vertrauenswürdig hielt. „Ich kenne Leute aus Colorados Reiseindustrie, die von diesem Ereignis persönlich betroffen waren, deren Kinder auf die Columbine High School gingen. Ich habe den Autor unterstützt, weil ich ihn persönlich kannte und als sensibel einschätzte und weil ich der Integrität der FAS vertraut habe. In so einer Situation kann ein PR-Agentur den Dialog zwischen Journalist und den Betroffenen erleichtern und fördern“, erklärt Goldmann ihre Beweggründe. Sie verhalf damit einem Journalisten zu einer guten Geschichte, aus PR-Perspektive betrachtet brachte ihr der Artikel jedoch nichts. „Obwohl die Geschichte auf den Reiseseiten der FAS erschien und sicherlich sehr interessant ist, lockt sie – verständlicherweise – keine potentielle Reisende nach Colorado. Der Artikel enthält ja auch keine Informationen über Littletons Sehenswürdigkeiten. So, nein, ich glaube nicht, dass wir als Agentur oder unser Kunde Colorado von dieser Medienberichterstattung profitiert haben.“

Angelika E. Ardelt, geschäftsführende Gesellschafterin von der auf Tourismus spezialisierten PR-Agentur Text & Aktion in Wiesbaden, bezeichnet ihr Tourismusverständnis als „puristisch“,

Eigens erstellter Pass für die Einreise nach Nordkorea

Eigens erstellter Pass für die Einreise nach Nordkorea

Reisen an Unglücksorte oder Stätten, an denen aus europäischer Sicht Makabres passiert, lehnt sie ab. „In Indien gibt es eine Stadt – Varanasi – die bekannt ist für die öffentlichen Leichenverbrennungen. Viele Touristen sind ganz besonders scharf darauf, Varanasi zu besuchen, um den Geruch und die Bilder einzufangen. Was würden wir sagen, wenn bei der Beerdigung unseres Kindes, unserer alten Mutter, Inder um den Sarg tanzen und mit der Kamera draufhalten würden? Anderes Beispiel: Über dem Bodensee stießen zwei Flugzeuge zusammen und 79 russische Kinder waren mit einem Schlag tot. Was gäbe es zu lernen, wenn ein Bodenseeanbieter Ausflüge zur Absturzstelle oder zu den Gedenksteinen anböte“, fragt Ardelt. Auch nach Naturkatastrophen, wie geschehen in Burma, China, Sri Lanka, Thailand, schließt sie Führungen oder spezielle Touren aus, „schon allein aus Respekt vor den Leben, die dort gelassen wurden. Ardelt: „Ich wüsste auch nicht, welchen Lerneffekt man aus einer solchen Reise ziehen sollte.“ Die Führungen durch das zerstörte New Orleans nach dem Hurrikan „Katrina“ waren für die Agenturchefin „ein ganz besonders widerliches Beispiel“ wie sehr sich Tourismusverantwortliche von angemessenem menschlichem Verhalten entfernt haben. Anders verhält es sich dagegen mit geschichtsträchtigen Orten von Weltbedeutung, die gut ausgingen und zu denen ein zeitlicher Abstand besteht: die nicht mehr vorhandene Mauer in Berlin, die Botschaft in Ungarn oder die Nazibezüge. Ardelt: „Aber das hat in meinen Augen nichts mit Tourismus zu tun, das ist angewandte Geschichte.“

Für Hanna Kleber, geschäftsführende Gesellschafterin der auf Tourismus PR spezialisierten Agentur Kleber PR, gehören die schlimmen Seiten eines Landes zu Berichterstattung und sind damit auch möglicher Bestandteil einer Pressereise. Kleber: „Kein Land hat nur positive Seiten, kein Land ist nur das Paradies. Berichte über Katastrophen und schlechte Bedingungen können dazu beitragen, dass sich etwas ändert. Wir müssen aber auch lernen, dass unsere deutsche Denkweise nicht die alleinseligmachende ist. Nehmen Sie China und die Tibet-Frage. Da halte ich mich ganz bewusst zurück. Wir können als Tourismus-Spezialisten das Vorher-Nachher zeigen, wir müssen uns aber in politischen Fragen zurückhalten. Das ist nicht unser Fachgebiet.“ Die Frankfurter Agentur ist in der Reisebranche insbesondere als Spezialist für Destinationen gefragt und bekannt, zu den Kunden zählen die Fremdenverkehrsämter Namibia, Südafrika und Thailand.

Kleber hält es für durchaus sinnvoll vergleichsweise kurz nach einem Erdbeben, wie aktuell in China, oder einer Flutwelle mit Journalisten ins Land zu reisen, um zu zeigen, dass dort die Infrastruktur wieder aufgebaut wird, vorausgesetzt, es handelt sich um ein touristisch interessantes Ziel. „Es ist natürlich jedes Mal eine Gratwanderung, in der es gilt Rücksicht auf das Leid der Betroffenen zu nehmen. Wir unterstützen beispielsweise keine Anfragen aus der Yellow Press, die ein bisschen Herz-Schmerz für die Heftmischung brauchen. Ich habe mich manchmal schon gewundert, welche Bilder da so in den Medien gezeigt wurden.“ Als der Tsunami die thailändische Küste verwüstet und tausende Menschenleben gekostet hatte, war Kleber zufällig selbst gerade in Bangkok. „Ich bin dann vor Ort geblieben, um die Krisenkommunikation des thailändische Fremdenverkehrsamts für den deutschen Markt zu unterstützen“, erinnert sich Kleber. Bereits drei Wochen später führte ihre Agentur eine deutsche Pressegruppe an den Ort des Geschehens. „Da hat man teilweise nicht mehr viel von der Zerstörung gesehen, ein paar Bauzäune und umgeknickte Bäume. Das galt es schnell an die deutschen Medien weiterzugeben, denn jeder Tag, an dem die Touristen nicht kommen, ist ein verlorener Tag“, meint Kleber.

Grenzterminal zwischen Süd- und Nordkorea

Grenzterminal zwischen Süd- und Nordkorea

Stefanie Schoor, Seniorberaterin bei der auf Reise spezialisierten PR-Agentur ZFL Prco in München, hat im November 2005 die erste Pressereise zu einem Agenturkunden, dem Fünf-Sterne-Luxushotel Hotel Sarojin acht Kilometer nördlich von Khao Lak, begleitet. „Natürlich war und ist der Tsunami bei den Journalisten ein Thema, denn unser Kunde wollte sein Hotel eigentlich im Januar 2005 eröffnen. Das Hotel wurde durch die Flutwelle teilweise zerstört und konnte dann erst im Oktober die ersten Gäste empfangen. Ein Jahr nach dem Tsunami bot das Datum sicherlich noch mal für die Presse Anlass darauf einzugehen. Mittlerweile ist es aber so, dass die Einheimischen und auch unser Kunde nicht mehr mit der Katastrophe in Verbindung gebracht werden wollen. Die Leute dort können es nicht mehr hören. Das liegt auch an der Mentalität nach vorne zu schauen und nicht zurück.“ Zur Touristenattraktion in Khao Lak habe sich ein Polizeiboot entwickelt, dass durch die Riesenwelle ins Landesinnere gespült wurde, dort liegen blieb und auch nicht weggeräumt wurde. Es war als Begleitboot für den Enkel des thailändischen Königs unterwegs, der dort Urlaub machte und ebenfalls ums Leben kam. „In Khao Lak hat sich schon so eine Art Katastrophentourismus entwickelt. Einige Läden verkaufen dort Tsunami-T-Shirts. Darüber lässt sich sicher streiten.“

Rasso Knoller, freier Reisejournalist aus Berlin, glaubt, dass man einer Katastrophenregion am besten mit normalem Reiseverhalten hilft. „Nach dem Tsunami hat die Region Phuket schlimme Jahre gehabt. Gerade die deutschen Touristen blieben lange weg. Erst 2008 hatte die Region wieder ein normales Jahr. Die Zeit aus Scham dort nicht hinzureisen war zu lange. Als ich dort privat war, haben mir viele Einheimische gesagt: Die Toten sind tot, aber den Überlebenden hätte man mit früheren Besuchen mehr helfen können.“ Für den 50-jährigen ist die Teilnahme an Pressereisen zu solchen Orten immer auch eine Frage des Zeitpunkts. „Den Besuch von akuten Katastrophen halte ich moralisch für fragwürdig, so etwas sollte man nicht touristisch vermarkten. Etwas anderes sind für mich Orte von geschichtlichem Interesse wie Friedhöfe, Ground Zero oder speziell in Deutschland die Spuren des Nationalsozialismus’. Das halte ich für legitim.“ Beispiel: Knoller bereiste kürzlich mit einer Journalistengruppe Süd- und Nordkorea. Erst seit wenigen Monaten ist es für Ausländer möglich von Südkorea aus dorthin zu reisen und innerhalb eines fest vorgegebenen Programms bestimmte Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Ein weiterer Programmpunkt war eine Gedenkstätte im südlichen Südkorea anlässlich des Gwangju-Massakers. Im Mai 1980 demonstrierten Einwohner der Stadt Gwangju gegen die neue Militärregierung, diese ging gegen die Demonstranten brutal vor und ermordete etwa 1500 bis 2000 Menschen, die genaue Zahl ist unbekannt. Knoller: „Nordkorea ist einfach interessant, weil bisher nur wenige westliche Touristen das Land bereisen konnten. Das verbindet für mich journalistische Neugier mit dem Bedürfnis nach Informationen. Sicherlich bietet das sehr arme Land für die Besucher auch einen gewissen Gruselfaktor. Gwangju ist als Wiege der südkoreanischen Demokratie einfach ein historisch interessanter Ort, gerade für uns Europäer, die nicht so viel über das Land wissen. Da habe ich auch kein Problem damit, dies als Reiseziel in meinen Artikel mit aufzunehmen.“

Auch für Ines Bruckschen, Chefin vom Dienst beim Reisemagazin „Tours“ in München, ist der Zeitpunkt einer Reise wichtig. „In dem Moment, in dem das Unglück voll im Gange ist, geht’s gar nicht, das wäre zu voyeuristisch, aber sobald der Aufbau oder ein Hilfsprojekt startet, kommt ein Bericht für mich in Frage.“ Ihrem Eindruck führen die Fremdenverkehrsämter Reisejournalisten nicht so gerne in die kritischen Seiten eines Landes ein, speziell bei Unglücken oder Naturkatastrophen würde so die Angst geschürt, dass so etwas wieder passieren könne. Als Magazin für Individualreisende möchte „Tours“ abseits von ausgetrampelten Pfaden ihren Lesern Inspiration für Reisen liefern, die auch einen guten Zweck erfüllen. So bietet die „Tours“ Spendenreisen an, unter anderem nach Süddakota zu den Sioux. Spendereise heißt, dass ein Teil der teuren Reisen der besuchten Region zu Gute kommt, um dort beispielsweise Schulen zu bauen. „In Dakota haben wir dann zusammen mit dem Ur-Enkel des letzten Sioux-Häuptling den Friedhof am ‚Wounded Knee’ besucht, wo 1890 US-Soldaten 350 Indianer töteten. Es war spannend und wichtig vor Ort in persönlichen Gesprächen zu erfahren, wie und warum diese Kultur ausgelöscht wurde.“ Der Besuch von tragischen Orten der Vergangenheit trägt in dem Fall dazu bei, dass in der Gegenwart etwas Gutes entsteht.

Erschienen im Juli 2008 im PR Report

Düstere Reiseziele als Forschungsprojekt

Ein britisches Forschungsprojekt der University of Central Lancashire fasst das Reisen zu Unglücksstätten unter dem Begriff „Dark Tourism“ http://dark-tourism.org.uk, zu deutsch übersetzt etwa „Gruseltourismus“, zusammen. Die Bandbreite beginnt bei Gedenkstätten und Museen geht über Soldatenfriedhöfe bis hin zu geschichtsträchtigen und tragischen Orten und Symbolen wie dem „Ground Zero“ in New York. Auch Besuche in Foltermuseen, wie beispielsweise dem „London Dungeon“, dem mittlerweile geschlossenen Gefängnisses „Alcatraz“ oder auch der deutsche Ausstellung „Körperwelten“, in der plastinierte Körper scheibchenweise zu sehen waren, zählen die Forscher zu diesem Phänomen.

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