Kassel: Totenhemden, Särge, Trauertrachten ← 10. April 2012

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Sarg aus Ghana: In den 1950er Jahren entstand dort eine neue Begräbniskultur. Menschen werden in Särgen beerdigt, die Gegenständen, Tieren oder Pflanzen nachempfunden sind, die im Leben des Toten eine Rolle gespielt haben

In Kassel steht Deutschlands einziges Museum für Sepulkralkultur. Ich war vor drei Jahren schon einmal dort und empfinde das Wort immer noch als Zungenbrecher: „Se – pul – kral – kultur“. Auf gut deutsch: Hier geht’s darum, wie Menschen ihren Toten gedenken und wie sie sie beerdigen. Das Museum zeigt also Grabsteine, Särge, Urnen, Leichenwagen, aber auch Trauerkleidung und Trauerkränze sind zu besichtigen. Das geht teilweise sogar mit Humor. Einem Totengräber mit dem Namen Nikolaus Bös (1892 bis 1964) haben die Hinterbliebenen mit folgendem Spruch auf dem Grabstein gedacht: „Der Mann hat siebzig Jahre gelebt und scharrte manchen ein – wer anderen eine Grube gräbt fällt selbst hinein.“ Spannend: Eine kleine Abteilung beschäftigt sich mit der muslimischen, jüdischen, afrikanischen, mittelamerikanischen und asiatischen Bestattungskultur. So gibt es einen knallroten Sarg in Hahnform aus Ghana (siehe Foto) zu bewundern,

Särge der Familie von Stockhausen im Museum für Sepulkralkultur

man erfährt aber auch, dass Leichen in Deutschland zwischen 1750 und 1850 mit sogenannten Leichenbändern überspannt wurden, weil man Angst hatte, dass sie als lebende Leichen auferstehen und den Lebenden schaden zufügen konnten. Übrigens: Auch bei Grabsteinen sollte man darauf achten, dass sie aus fairem Handel stammen, gerade die Massenproduktion von Grabplatten aus Indien hat dazu geführt, dass in diesem Bereich auch Kinderarbeit zum Einsatz kommt.

Die aktuelle Sonderausstellung „Galgen, Rad und Scheiterhaufen. Einblicke in Orte des Grauens“ widmet sich, wie der Name vermuten lässt, der dunklen Seite der Menschheitsgeschichte. Es geht um Strafutensilien wie Fesseln und Schandmasken,

Museum für Sepulkralkultur: Links eine weibliche Leiche mit über Kreuz geschnürten Leichenbändern, rechts eine männliche mit einem Band in Zickzackform - die Bänder sollten die Leichen davon abhalten wiederauferzustehen

aber auch um Hinrichtungsbauten und -waffen sowie interessanterweise auch um die einstige topografische Lage von Richtstätten.

Kleiner Exkurs: Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an den Beerfelder Galgen im Odenwald, den ich zu meiner Heidelberger Zeit einmal besucht habe. Er soll heute angeblich der „größte und besterhaltene im Bundesgebiet sein, wenn nicht sogar in Europa“, verkündet die Gemeinde Beerfelden auf ihrer Homepage. Er bestehe aus drei „schlanken Rotsandsteinsäulen“ von ungefähr fünf Metern Höhe, die in einem Dreieck aufgestellt wurden und an denen oben die Holzbalken ein Dreieck bilden. Der Sinn des Aufbaus: Man konnte so möglichst effizient mehrere Deliquienten gleichzeitig hinrichten. Die Lage war bewusst gewählt: Den Opfern bot sich ein traumhafter Rundumblick über den Odenwald und genau dies sollte ihnen den Abschied vom Leben nochmals besonders schwer machen.

Zurück nach Kassel: Ich finde, dass die Macher die Ausstellung dezent und pietätvoll umgesetzt haben. Man erfährt, was Menschen im Namen der Gerichtsbarkeit anderen Menschen angetan haben. Die Machart der Ausstellung liegt sicher auch daran, dass zu den Kooperationspartnern der Ausstellung die Menschenrechtsorganisation amnesty international gehört. Menschen wurden schon damals wegen Lappalien verfolgt oder gar getötet: So wurde ein nicht einmal 20-jähriger auf dem Gebiet der heutigen Schweiz zum Tod durch Enthauptung verurteilt, weil er „wider die Obrigkeit geredet“ hat. Daran hat sich in einigen Ländern bis heute nichts geändert.

Miniaturmodell einer "Eisernen Jungfrau"

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