Norwegen: Per Telemark durch die Telemark ← 20. Februar 2012

Autor:

„Hier gibt es unglaublich viele Fische. Und Pilze, soweit das Auge reicht. Das hier ist das Paradies. Hier
geh’ ich nie wieder weg.“ Sous-Chef Frank steht im Weinkeller und schnuppert an seinem feinen, italienischen Rotwein. Dann wirft der gebürtige Schweizer und patriotische Wahl-Norweger einen zufriedenen Blick auf Sigmund, seinen Chef. Zwei, die sich gefunden haben. Mitten in der Wildnis. Wenn Franks Liebe zur Natur der Topf ist, dann ist Sigmunds Hang zur Tradition und seine ruhige Wesensart der Deckel. Seit fünf Generationen gehört Sigmunds Familie das „Quality Straand Hotel“ nahe Vrådal. Mitten im norwegischen Niemandsland. Genauer gesagt in der Region Telemark, die nur drei Autostunden von Oslo entfernt ist – und doch so anders wie ein fremder Planet. „Tradition ist uns sehr wichtig“, sagt Sigmund. Sous-Chef Frank nickt. Nach einem feinen Abendessen (Wild an Pilzragout) lassen uns die beiden Seelenverwandten alleine mit den Eindrücken unseres ersten Tages in der Telemark. Kalt ist es draußen. Und trocken. Auch wenn es schneit, wie oft im tiefsten Winter, fliegen die feinen Flocken herum wie zerfetzte Seide. Die Weite der mit Nadelbäumen übersäten Hügel in diesem scheinbar vergessenen Teil der Welt beeindruckt. Rasch überträgt sich die kühle Lässigkeit aufs Gemüt. Kein Handy-Empfang. Kein Après- Ski. Wozu auch?

Telemarkübungen unter der Wintersonne Norwegens

In Vrådal, einem kleinen Wintersportort für Familien, in dem nebst Großstadt-Norwegern auch viele Norddeutsche, Dänen und Schweden ihre ersten Gehversuche auf der Skipiste machen, sind die sanften Hügel mit harmlosen Schleppliften bebaut. Genau das richtige Gebiet, um bei Skilehrer Sondre das begehrte „Telemark-Diplom“ abzulegen. Denn wer schon mal hier ist, darf ohne Telemark Technik-Kurs nicht wieder nach Hause. „Ich weiß, das hier sind nicht die Alpen“, entschuldigt sich Sondre, der schon mal in der Schweiz gearbeitet hat und verdammt gut auf den Skiern steht. „Aber zum Telemark-Lernen gibt es nichts Besseres.“ Stimmt. Ein Nachmittag voller Kniebeugen über den langen Latten mit der biegsamen Bindung genügt vollkommen – die Oberschenkel schmerzen spätestens ab Fahrt Nummer zehn durch den wadenhohen Tiefschnee. Und sie tun es noch, als in den Wäldern längst wieder die Wölfe heulen und die Sauna die Blessuren des Tages zu lindern versucht.

Mit dem Telemark-Diplom in der Tasche fühlt man sich gleich als Insider, auch wenn wir mit der nordischen Sprache nach wie vor so unsere Probleme haben. Wer hier endgültig dazugehören will, muss dem Erfinder und König des Telemark-Stils, Sondre Norheim, unbedingt einen Besuch abstatten. In Norheims Heimat Morgedal, wo ein Heimatmuseum und eine Statue an den berühmten Sohn der Telemark erinnern, wurde schon dreimal das Olympische Feuer entzündet. Dass Norheim arm und verkannt 1897 in North Dakota gestorben ist, spielt hier nur am Rande eine Rolle. Bedeutender ist für die Einheimischen und Besucher eher, dass der 1825 im Örtchen Øvrebø geborene Draufgänger Mitte des 19. Jahrhunderts die Telemark dank seiner zwei Latten und einer raffinierten Bindungs- und Skitechnik weltberühmt gemacht hat.

Nicht ganz Telemark, aber trotzdem schön

Dass Norwegen nicht nur aus Tradition und Ruhe, Fischen und Pilzen sowie aus unendlichen Wäldern besteht, zeigt sich im norwegischen Nobel-Skiort Hovden, der letzten Station unserer Winterreise – viereinhalb Autostunden westlich von Oslo gelegen. Die Pisten sind hier nicht nur steiler, auch sonst erinnert viel an eine typische Alpen-Destination: Kässbohrer-Raupen, Doppelmayr-Lifte, Heineken-Bier für neun Euro. Skigebiete dieser Art entstehen derzeit überall in Norwegen. Denn die dank des Erdöls vor ihren Küsten reich gewordenen Skandinavier stecken ihr Geld unter anderem in winterliche Freizeitparks, in denen man nicht nur Skifahren und Langlaufen, sondern auch Hundeschlittenfahren und Schneeschuhwandern kann. In Hovden trainieren auch die norwegischen Ski-Talente, also die Lasse Kjus und Ole Einar Björndalens von morgen. Dementsprechend anspruchsvoller sind Pisten und Loipen rund um das geschickt angelegte Freizeitdorf. In Hovden herrscht nicht mehr die Ruhe und Gelassenheit wie in der Wildnis Vrådals. Statt nach Pilzen und frischen Nadelbäumen riecht es hier auf der Straße nach den Errungenschaften der Zivilisation. Im Gegenzug ist die Stimmung ausgelassener, der Ort ist auch bei Jüngeren beliebt. Hier ist richtig was los, wenn die gut betuchten jungen Osloer die Wochenend Appartments ihrer Eltern zum Feiern benutzen. Natürlich überzeugen die Restaurants auch hier mit der ausgezeichneten norwegischen Küche, die mit einheimischen Wild- und Waldspezialitäten aufwartet. Einziger Wermutstropfen: In Norwegen hat alles seinen Preis. Nicht nur bei alkoholischen Getränken langt die Gastronomie steuerbedingt kräftig zu. Trotz der acht Euro für ein Glas endet die Reise aber so, wie sie begonnen hat, mit einem Chianti vor dem Kamin. Ob wir wiederkommen werden? Ja, ganz bestimmt. Ob zum Skifahren, oder nur, um den Norden in seiner ganzen Winterpracht, seiner Ruhe und seiner Unendlichkeit zu genießen, das sei mal dahingestellt.
Feiern und skifahren kann man schließlich vielerorts, aber dem Elch gute Nacht sagen – das geht, zumindest in Europa, nur hier. Nordwärts: Per Telemark durch die Telemark Auf den Spuren Sondre Norheims durch die norwegische Provinz Telemark.

Anreise: Von allen Flughäfen in Deutschland gibt es täglich mehrere Verbindungen mit SAS nach
Oslo. Hovden erreicht man allerdings besser über den Flughafen Kristiansand. Vor allem aus dem Norden Deutschlands empfiehlt sich eine Anreise über die vielen Fähren, die von Dänemark oder der Nordseeküste aus ablegen. Mehr unter www.visitnorway.com und www.visittelemark.com

Ihre Meinung Bitte nett bleiben!

Stay tuned - never miss a good story!schliessen
oeffnen