England: Zauberhafter New Forest ← 11. Januar 2012

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Im südenglischen Dörfchen Burley gehört ein wenig Hexerei zum Alltag

In der Mitte des Dorfes steht ein großes Steinkreuz. Links und rechts davon zweigen Straßen ab, an deren Rändern sich kleine Häuschen gruppieren. Niedlich sind sie, die Häuschen aus roten Ziegeln. Einige haben reedgedeckte Dächer. Das Steinkreuz erinnert an die Gefallenen des ersten Weltkriegs. Aber man könnte auch glauben, dass es aus einem anderen Grund dort steht – zur Abwehr magischer Kräfte.

Burley: In den „Black Cat Tearoom“ geht man zum klassischen „English Afternoon Tea“ am besten vormittags.

 

 

Denn obwohl Burley auf den ersten Blick aussieht wie ein ganz gewöhnliches Dorf mit einem Postamt, kleinen Geschäften, Pubs und Tearooms – so zeigt der zweite Blick doch, dass drei Viertel davon nichts mit „normalen“ Geschäften zu tun haben: Eine schwarze Katze auf einem Schild lockt zum Tee in den „Black Cat Tearoom“, eine fliegende Hexe vor dem Halbmond auf dem Ladenschild um die Ecke verspricht Besuchern des zugehörigen Geschäfts alles rund um die Hexerei und im Geschenkeladen des Zauberlehrlings erhält man Mitbringsel für magische Momente.

Ein besonderes Sammelsurium an Zauberzutaten findet sich im windschiefen Laden „Coven of Witches“, auf Deutsch „Hexenzirkel“. Bereits beim Eintreten stößt der Besucher mit dem Kopf gegen in schwarzen Samt und Tüll gehüllte, von der Decke hängende Hexenpuppen. Eingedoste Meerjungfrauen machen sich gut im Wohnzimmerregal, allerlei Tarotkarten, Heilsteine und Bücher über den Hexenkult liefern dem Nachwuchsmagier die passenden Werkzeuge für den häuslichen Zauber. Sogar Hexenbesen sind für nur 18 Pfund zu erstehen.

Hexerei als Geschäft: In Burley lässt sich allerlei Zubehör für magische Momente erstehen

Burleys bunte Hexenwelt existiert nicht erst seit Harry Potter. Der Glaube an Hexen und Zaubermächte hat gerade hier im Süden Englands, rund um die englischen Grafschaften Hampshire und Dorset nahe Southampton und Bournemouth, an vielen Orten überlebt. Nur eine Autostunde von Burley entfernt nahe dem Städtchen Salisbury liegt die jungsteinzeitliche Kultstätte Stonehenge, zu der noch heute viele selbsternannte Druiden nicht nur zur Sonnwendfeier pilgern. Auch der Cerne Giant ist in Reichweite. Die in den Kalkboden gegrabenen Umrisse eines Riesen mit aufgestellter Keule und erigiertem Penis soll angeblich auf seinem Gelände übernachtenden kinderlosen Frauen zur Fruchtbarkeit verhelfen. Wie er das allerdings tut, bleibt ein Rätsel.

Burley selbst gilt als Heimat der ehemals bekanntesten Hexe Englands, Sybil Leek, die in den 1950ern als Fernsehreporterin arbeitete und in ihrer Freizeit gerne mal im langen Umhang mit schwarzem Kater auf der Schulter durchs Dorf marschierte. Der Laden „Coven of Witches“ wurde von ihr gegründet. Nach ihrem Erfolg im englischen Fernsehen zog die „weiße“, wohltätige Hexe in die USA, wo sie erfolgreich weiter praktizierte. Sybil war nicht die einzige Hexe des New Forest, die berühmt wurde. Einer ihrer Kollegen, ein ehemaliger Beamter, soll mit seinen Zaubersprüchen angeblich die Invasion der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verhindert haben. So mancher Einheimische glaubt noch heute an die Existenz „guter“ Hexen und Zauberer im New Forest, auch wenn diese heutzutage offenbar eher im Verborgenen wirken und selten auf Besen durch die Nacht reiten.

Doch Burley hat mehr zu bieten als nur Hexen und Zauberer. Seine alte Geschichte steckt voller Sagen, Legenden und Abenteuergeschichten. Bereits in der Bronzezeit wurde das Dorf besiedelt, die Sachsen gaben ihm seinen Namen, bestehend aus den Worten „burgh“ für Burg und „leah“ für ein offenes Feld oder eine Waldlichtung. Im Domesday Book des normannischen Königs Wilhelm der Eroberer aus dem elften Jahrhundert wird das Dorf erwähnt. Auch viele der Pubs und Tearooms sind jahrhundertealt. Im aus dem 16ten Jahrhundert stammenden Old Farmhouse wird bereits seit mehr als hundert Jahren Tee kredenzt – allerdings nur bis 17 Uhr. Wer erst danach zum angeblich typisch englischen Fünf Uhr Tee eintrudelt, hat Pech gehabt. Zum Cream Tea – dem traditionellen Gericht bestehend aus einer Kanne Tee, zwei Mürbeteigbrötchen, reichlich Marmelade und butteriger „Clotted Cream“, treffen sich die Engländer gerne am Vormittag.

Am Abend empfiehlt sich der Besuch im örtlichen Pub – im „Queens Head“. Und auch das hat seine Geschichte. Im Jahr 1675 gebaut, diente es offenbar jahrelang Schmugglern als Unterschlupf, die Alkohol, Geld und Waffen von den Kanalinseln oder Frankreich nach England schmuggelten. Bei Renovierungsarbeiten wurde ein geheimer Keller voller derartiger Schmugglerwaren gefunden. Noch heute kann man die Funde auf Schwarz-Weiß-Fotos im Pub bewundern, während man sein lauwarmes Ale genießt.

Vorsicht Pferd: In Burley haben Ponys Vorfahrt.

Eher nicht alkoholisch liebte es offenbar der dorfeigene Drachen, der einer Legende zufolge über viele Jahrhunderte in Burley hauste: Nur mit mehreren Eimern Milch täglich ließ sich das gefährliche Fabelwesen über Jahre hinweg besänftigen, bis ein vorbeiziehender mutiger Ritter ihm eines Tages nebenbei mit seinen beiden Hunden den Garaus machte. Auf die Geschichte mit dem Drachen nehmen Burleys Zauberläden heute noch Bezug: Bunte Gummidrachen, teils auf Motorrädern, stehen neben kitschigen Gartenzwergen und den Zauberutensilien in den Schaufenstern. Doch das Fabelwesen selbst ist zum Glück nirgends mehr zu entdecken. Heute bevölkern nur noch wesentlich kleinere, harmlose Tiere das Dörfchen Burley: die vielen halbwild lebenden New Forest Ponys, die in vielen Dörfern des New Forest durch die Straßen spazieren, hier und da am Wegrand ein paar Gräser abzupfen und sich ansonsten weder durch Fußgänger noch durch Autofahrer aus der Ruhe bringen lassen. Aber wer weiß, vielleicht sind die Ponys auch verhexte Drachen, die sich eines Tages erheben werden und im örtlichen Pub ihren Kübel Milch einfordern? Im Zauberdörfchen Burley ist alles möglich…

Allgemeine Auskünfte erteilt Visit Britain in Berlin, Telefon 030 31 57 190, Visit Britain. Näheres über den New Forest hier, über Burley hier oder hier.

Anreise:

Mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Southampton, zum Beispiel mit Flybe ab 90 Euro retour inklusive aller Gebühren, www.flybe.com. Weiter mit dem Mietwagen, beispielsweise von www.enterprise.co.uk, ab 28 Pfund pro Tag für einen Kleinwagen. Denken Sie an den Linksverkehr. Bis nach Burley fährt man etwa 45 Minuten.

Alternativ:

Fahren Sie von Southampton Flughafen aus mit dem Zug nach Brockenhurst (Zug fährt alle 60 Minuten) und suchen Sie sich dort ein Zimmer. In Brockenhurst können Sie sich ein Fahrrad mieten und bis nach Burley radeln. Auch anders herum funktioniert die Tour: von Burley nach Brockenhurst und wieder zurück. Der New Forest eignet sich sehr gut für Fahrradausflüge. Fahrräder gibt es hier: Brockenhurst: www.newforestcyclehire.co.uk, in Burley: www.forestleisurecycling.co.uk.

Übernachten: Eine bezahlbare Alternative zu Hotels sind „Bed & Breakfasts“ (B&Bs), bei denen man zusätzlich zur Übernachtung meist ein üppiges britisches Frühstück mit Eiern und Speck erhält. Mehrere sehr süße Zimmer mit Bad ab 28 Pfund pro Nacht gibt es im Honeysuckle Farmhouse in Bransgore, wenige Kilometer von Burley, www.newforest-bandb.co.uk; alternativ dazu empfiehlt sich das Bay Tree House in Burley, ab 32 Pfund pro Person pro Nacht.

Essen und Trinken:

Die sprichwörtliche englische Küche ist mittlerweile besser als ihr Ruf. Sehr gut isst man etwa im Three Tuns Inn in Bransgore (www.threetunsinn.com, Hauptgerichte ab 10 Pfund). Unbedingt probieren: Cream Tea in einem typischen Teehaus, beispielsweise im Old Farmhouse, www.oldfarmhouseinburley.co.uk. Ein typisch englisches Pub im Herzen Burleys, wo früher Schmuggler ein- und ausgingen, ist das The Queens Head nahe der Kreuzung zur Ringwood Road. Hier gibt es auch europäisch schmeckendes „Lager“-Bier.

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