Per Kleinflugzeug in die Gletscherwelt Kanadas ← 5. Dezember 2011

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Die Weite des St. Elias-Eisfelds im menschenleeren Yukon-Territorium im Nordosten Kanadas löst ein Gefühl der Demut aus. Das größte zusammenhängende, nicht-polare Gletschergebiet der Erde lässt sich am besten per Flugzeug erkunden.

Es fliegt. Hoffentlich. Als wir das Sportflugzeug der Marke Helio Courier auf dem Flugfeld am Kluane-Lake zu Gesicht bekommen, wird letzteres weiß wie der Schnee, der rings um uns herum ganzjährig die Gipfel bedeckt. Donjek, unser Pilot, der die Frauen mit seinen leuchtend blauen Augen betört und die Jungs durch die Routine eines Buschpiloten beeindruckt, lächelt milde. Er sagt, das „Baby“ sei schon tausendmal hoch zum Mt. Logan geflogen. Und bisher sei es immer zurückgekommen. Bisher. Das beruhigt.

Hillary Clinton war schon da, Al Gore hat von hier aus den weltweiten Kampf gegen die Erderwärmung ausgerufen. Vor allem aber bringt Donjek Studenten und Eisforscher hinauf zum Basislager in 2800 Meter Höhe. Was sie dort erforschen, lässt nichts Gutes für unser Klima erahnen: Die Gletscher, die hier „Kaskawulsh“, „Lowelt“ oder „Dusty
Glacier“ heißen, gehen allesamt stark zurück. Die Sonne schmilzt bei Temperaturen von bis zu 30 Grad im Sommer jedes Jahr tausende Tonnen vom Ewigen Eis hinweg. Das Wasser fließt entweder hinunter zum Kluane-Lake oder direkt in den Pazifik. Dass ein paar der unzähligen Gletscher hier oben ihre Zunge noch vor ein paar Jahrzehnten direkt ins Meer streckten, klingt aus Donjeks Mund wie ein Märchen. Denn die Gletscher haben sich inzwischen ganz weit oben eingenistet.

Landung mit dem "Baby" auf 2800 Meter in der Gletscherwelt des Yukon Foto: Raimund Haser

Die Courier fliegt tatsächlich. Betäubt vom Propellerlärm und überwältigt vom Anblick der Schneemassen, die wir so langsam überqueren, stören wir uns nicht einmal mehr daran, dass der Seitenwind die Maschine ab und an querstellt. Donjek nuschelt etwas Unverständliches in sein Funkgerät, lächelt und zeigt auf die Regentropfen, die über das Armaturenbrett rinnen. „Das ist wie Motorradfahren“, sagt er. „Spannend.“ Er ist wirklich ein lustiger Geselle. Nach etwa 20 Minuten öffnet sich die Wolkendecke. Plötzlich steht vor uns ein Koloss, dessen Anblick alle Gespräche im Cockpit schlagartig beendet. Der Mount Logan. 5959 Meter hoch ist er, über und über mit Eis bedeckt und wohl eines der letzten wirklichen Geheimnisse Nordamerikas, das nur wenige Bergsteiger in einer dreiwöchigen Bergtour lüften. Erst 1890 wurde der zweithöchste Berg Nordamerikas entdeckt – die Nummer eins, der Mount McKinley, steht gleich um die Ecke in Alaska.

Das Flugfeld auf 2800 Metern Höhe erobert die Helio Courier schließlich mit Skiern an den Füßen. Der Sulzschnee schmilzt sofort in den Turnschuhen, geblendet vom gleißenden Licht und ungeschickt wie die Pinguine watscheln wir über die weiße Fläche und lassen einen kurzen Augenblick lang unsere Gedanken wegtreiben zu den Gipfeln um uns herum, die nach allem Lebendigen zu greifen scheinen. Die klaffenden Gletscherspalten, die skurrilen Felsvorsprünge, und immer wieder das weiße Meer aus Schnee und Eis – wie klein der Mensch doch ist: dieser Gedanke geht einem durch den Kopf, während der pfeifende Wind und der noch laufende Courier-Motor um die Wette heulen. Hier oben ist eigentlich kein Platz für ein Flugzeug. Vielleicht nicht einmal für einen Menschen.

Zurück im Flugzeug – wenige Minuten später – ist es still. Fotoapparate klicken, Hände werden gewärmt, Füße aneinander gerieben. Benommen vom Zauber der Eiswelten geht es zurück zum Flugfeld. Das erste Auto, das erste Zeichen von Zivilisation – im Yukon eher selten anzutreffen – sehen wir erst nach 20 Minuten. Nach der Landung, die auf Rädern nicht halb so schön weich ist wie mit Skiern auf dem Eisfeld, heißt es „Welcome back“ bei heißem Kaffee. Die aufgeweckte Sian und ihr Ehemann Lance, die uns sozusagen zum Après-Ski erwarten, machen einen sehr entspannten Eindruck. Den beiden gehört Donjeks „Baby“, das Flugfeld nahe dem Örtchen Haines Junction, ein Stück Land am Kluane-Lake, eine Hütte im Wald, ein verspielter Labrador und ein alter VWBus, der im Hangar vor sich hinrostet. „Wir zeigen den Menschen, wie atemberaubend schön das alles hier ist. Das verändert sie. Und sie wissen danach, was es bedeutet, die Natur zu schützen“, sagt Sian, deren Eltern aus England hierher gezogen sind, als sie klein war. Sie selbst genieße die Natur am Yukon in vollen Zügen, sagt sie. Nur einmal im Jahr – im November – haut sie ab. Weil das die einzige Jahreszeit sei, in der es sich nicht lohne zu jagen, zu fischen, Ski oder Hundeschlitten zu fahren oder all die anderen Dinge zu tun, deretwegen es sich sogar von Deutschland aus lohnt, nach Whitehorse/Yukon oder Anchorage/Alaska zu fliegen.

Anreise: Von Frankfurt aus fliegt Condor zweimal wöchentlich nach Whitehorse (Yukon/Kanada) und Anchorage (Alaska/USA). Die meisten Touristen erobern das Yukon-Territorium mit einem Wohnmobil. Fast alle großen Reiseveranstalter bieten hierzu Pakete an.

Reisezeit: Der Sommer im Yukon ist kurz und warm, campen ist überall erlaubt, günstig und aufgrund der sauberen und schönen Campgrounds auch sehr zu empfehlen (Wildlife inklusive!). Kanu, Kajak, Mountainbike, Quad-Fahren und viele anderen Freizeitaktivitäten werden in fast allen Orten angeboten.

Allgemeine Infos: Alle Tourismus- Informationen sind gut zusammengefasst auf der offiziellen Website des kanadischen Fremdenverkehrsamts. Das Flugfeld am Kluane-Lake, wo auch Bergtouren auf den Mt. Logan angeboten werden, findet man unter www.icefields.org.

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