Jemen: Reise in die Welt der Suks und in das Chicago der Wüste ← 19. Dezember 2011

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Jemen hat kulturell und geschichtlich viel zu bieten: Die Architektur von Sanaas Altstadt ist UNESCO Weltkulturerbe, genauso wie die neunstöckigen Wohnhäuser aus Lehm der heute noch bewohnten Wüstenstadt Shibam. Für Frauen im Jemen gilt: Kopftuch ist kein Muss, aber lange Ärmel und Hosen sind Pflicht.

Warum trägst du ein Kopftuch?“, fragt Mirella, Managerin des Burj Alsalam Hotels in Jemens Hauptstadt Sanaa. „Das ist doch ein Symbol der Unterdrückung!“ „Ich fühle mich sicherer damit“, rechtfertigt sich Anne aus Berlin. „Du tust den Frauen hier aber keinen Gefallen damit.“ Es ist nicht das erste Mal, dass Anne wegen ihres Kopftuchs angesprochen wird, seitdem wir in Sanaa gelandet sind. Schon vor der Landung hatte sie die „Kefija“ angelegt. Und mich damit verunsichert. In meinem Koffer steckte zwar ein einfaches Tuch, ich mag aber grundsätzlich keine Kopfbedeckungen. Und bisher bin ich immer gut ohne ausgekommen, in muslimischen Ländern wie beispielsweise dem Oman und auf der derzeit boomenden omanischen Halbinsel Musandam und in Jordanien können sich Frauen problemlos ohne Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit bewegen. Zur Not kann ich mich ja schnell „umziehen“.

Die einmalige Architektur von Sana‘as Altstadt ist zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt worden.

Mit oder ohne Kopftuch – die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte Altstadt von Sanaa zieht uns in ihren Bann, und wir können uns nicht satt sehen an den lehmbraunen, mit weißen Ornamenten verzierten Häusern. Die Temperatur ist angenehm kühl, wir befinden uns auf 2.300 Meter Höhe. Nach einer Weile erreichen wir den Suk al Milh mit seinen engen Gassen und unzähligen Läden – ein riesiger arabischer Gemischtwarenladen.

Suk al Milh in Sanaa: In dem riesigen arabischen Gemischtwarenladen auf offener Straße gibt es von Haushaltswaren über Kleidung und Schmuck bis hin zu Lebensmitteln alles zu kaufen.

Wir schlendern erfreulich unbehelligt zwischen Haushaltswaren, Gewürzen, Stoffen, Süßwaren, Schmuck und Garküchen umher. Kein Vergleich mit dem Geschrei auf anderen orientalischen Märkten. In Ruhe betrachten wir die Ware, werden angelächelt und mit einem „Welcome“ und „Where are you from?“ begrüßt. Als wir „Germany“ antworten, zeigt ein Standbesitzer stolz auf ein vergilbtes Foto, das er mit Reißzwecken an einem Pfosten befestigt hat. Es zeigt ihn selbst, wie er Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Waren präsentiert. Natürlich fallen wir auf mit unserer hellen Haut. Sanaa ist zwar dank seiner einzigartigen Architektur ein Magnet für Touristen, doch ihre Zahl hält sich in Grenzen. Obwohl nur wenige Frauen in den Straßen unterwegs sind und wenn, dann tief verschleiert, fühlen wir uns willkommen und werden häufig angelächelt.

Ab dem frühen Nachmittag füllt sich der Suk zusehends. Überall werden nun Zweige mit grünen Kat-Blättern verkauft und gekaut. Einen kurzen Selbstversuch brechen wir nach wenigen Minuten ab, zu bitter schmeckt das beliebte Laub. Wahre Könner schieben sich jedoch immer neue Blätter in den Mund, bis sie aussehen, als hätten sie einen Tennisball in ihrer Backe deponiert. Dabei kauen sie mit verträumtem Blick vor sich hin. Laut unserem Guide Shami ist die Kat-Kauerei daran schuld, dass nachmittags weniger gearbeitet wird: Weil die Leute immer früher Feierabend machen und nur noch ihre geliebten Blätter kauen, denen man zwar keine betäubende Wirkung nachweisen kann, die aber dennoch irgendwie süchtig machen.

Der Volkssport Kat-Kauen lässt am Nachmittag halb Sana‘a ruhen. Überall entspannen sich die Männer mit dem mehr oder weniger großen Blätter-Kloß im Mund.

Wir legen eine Pause auf der Dachterrasse eines Hotels ein, von der wir einen herrlichen Blick über die ganze Stadt haben. Und hier begegnet uns die erboste Wirtin, die nicht verstehen kann, warum man freiwillig mit einem Kopftuch herumläuft. Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft erzählt mir Anne von einer iranischen Freundin, die ihr vor unserer Abreise dringend dazu geraten hat, den Kopf zu bedecken, weil im Islam der Anblick von Frauenhaar als Provokation gilt. „Meine Freundin macht sich Sorgen um mich.“ Weil ich immer wieder andere Touristinnen ohne Kopfbedeckung sehe, stecke ich auch weiterhin meine Haare einfach nur hoch und halte mich ansonsten an die Kleiderordnung für muslimische Länder: weite, lange Hosen, weite Oberteile bis über die Oberschenkel und lange Ärmel. Nichts, was die Figur betont. Um die Regeln dieses Landes zu achten und damit das persönliche Risiko zu minimieren. Doch hilft mir das wirklich? Das Auswärtige Amt rät von Reisen in die Provinzen Hadramaut, Marib, Sanaa und grundsätzlich von Reisen auf eigene Faust ab. Die jemenitische Regierung bemüht sich darum, Bevölkerung wie auch Touristen und im Lande lebende Ausländer vor Gewaltakten zu schützen. Das heißt konkret, dass Touristen in den gefährdeten Gebieten von Militärkonvois begleitet werden und dass die Stammesmitglieder ihre Kalaschnikows abgeben müssen. Sie geben zwar einen Teil ab, lassen sich aber nie völlig entwaffnen. Das darf natürlich niemand sehen, also beherrschen die schweren Waffen nicht mehr das Bild im Jemen, wie es noch vor ein paar Jahren der Fall war. Die dritte Maßnahme der Regierung zielt auf die Kooperation der Stämme.

Wir reisen weiter ins Wadi Hadramaut, zu der Stadt, die seit jeher Abenteurer und Entdeckungsreisende wie Freya Stark, Hans Helfritz, Daniel van der Meulen und Carmen Rohrbach dazu bewogen hat, sie zum Ziel ihrer Träume zu erklären: Shibam.

Die Wüstenstadt Shibam heißt auch „Chicago der Wüste“ und ist Unesco-Weltkulturerbe. 8000 Menschen leben in den Hochhäusern aus Lehm.

„Chicago der Wüste“ haben sie den Ort genannt, mit einer Festung aus Bienenwachs verglichen und als Fata Morgana beschrieben, die über dem Talgrund in der Luft schwebt. Und wirklich: Die größte Faszination übt die Stadt aus, wenn man sie von der Ferne betrachtet. Als wäre Hundertwasser am Werk gewesen und hätte nur verschiedene Brauntöne zur Verfügung gehabt. Wir sehen fasziniert zu, wie die Sonne kurz vor dem Untergehen Shibam in rosafarbenes Licht taucht. In einem Geländewagen erkunden wir die nahe gelegenen Städte Seyun und Tarim. Besonders auffällig sind die schwarz gekleideten und verschleierten Schäferinnen mit ihren spitzen, hohen Strohhüten. Gerne würden wir sie fotografieren, doch das mögen sie nicht. Sobald sie unsere Absicht erkennen, werfen sie mit Steinen nach uns. Unsere Mahlzeiten nehmen wir in einfachen Funduks ein, wie die Hotels hier genannt werden. Die Kellner servieren uns Lammfleisch, Reis, gekochte Kartoffeln, gebratenes Gemüse, Tomatensalat mit Gurken, Spiegelei, Fladenbrot, Honigkuchen und Bananen. Alkohol ist natürlich tabu, aber bei den Temperaturen im Landesinneren ist Wasser ohnehin der beste Durstlöscher. Wir fahren schließlich durch das Wadi Doan gen Süden zum Meer, nach Mukalla, dem wichtigsten Umschlagplatz für Güter von und in das Wadi Hadramaut. Eine Hafenstadt, die sich in den letzten Jahren mächtig herausgeputzt hat. Auf dem dortigen Suk sprechen uns viele verschleierte Frauen an, erproben ihre Englisch-Kenntnisse und wollen plaudern. Beim Essen kommt erneut das Kopftuch-Thema auf den Tisch – wieder von einer Touristin angestoßen. „Du machst hier eine auf Muslima und verletzt doch alle Regeln“, greift sie Anne an. „Dein Tuch ist türkisch und die Jeans drunter gehen gar nicht. Durch dein weißes Hemd scheint die Sonne und man kann das Trägertop sehen. Das ist ja gefährlicher als gar nichts auf dem Kopf!“ Anne meint, da hätte sie aber ganz andere Sachen gehört. Zum Beispiel, dass Moslems das Tragen eines Kopftuchs als respektvolle Geste erleben. Eine Einigung erzielen die beiden nicht. Strengster Kleidervorschriften zum Trotz soll Mukalla bald Badetouristen anlocken. Europäerinnen in knappen Bikinis räkeln sich für alle Einwohner gut sichtbar am Strand? Natürlich nicht. Die Hotels begrenzen ihre Strandabschnitte mit langen Betonmauern, die sich weit ins Meer hineinziehen und damit vor unerwünschten Blicken schützen.

Wir genießen die sternenklare Nacht am Meer lieber in voller Montur und hören dem Rauschen der Wellen zu. Unser Weg führt zurück nach Sanaa, von wo aus wir einen Ausflug in das Wadi Darr unternehmen, zur ehemaligen Sommerresidenz des Imam Yachya, die majestätisch auf einem hohen Felsen thront. Wir erklimmen viele Stufen, begleitet von einer lautstarken, fröhlichen Klasse etwa sieben- bis achtjähriger Kinder mit riesengroßen, schwarzen Augen und adretten grauen Uniformen, deren Strenge sie durch bunte Jacken, Socken oder Schals abmildern. Auch sonst geht es rund um die Residenz ziemlich lebhaft zu. Als wir wieder unten ankommen, hören wir Trommeln und gehen zu dem Kreis, den eine Gruppe von Männern gebildet hat. Neugierig spähen wir über ihre Schultern und bekommen einen Bara’a zu sehen, den traditionellen Krummdolch-Tanz, der oft im Rahmen von Hochzeitsfeierlichkeiten aufgeführt wird. Weit ausladend schwingen die Männer ihre Dschambijas und bewegen sich dazu geschickt im Rhythmus der Trommeln, stampfen mit den Füßen und drehen sich im Kreis. Wenig später stehen wir auf einem Plateau, von dem aus wir weit ins Land hinein blicken können. Weingärten und Kat-Anpflanzungen erstrecken sich vor unseren Augen. Doch wir sind abgelenkt von der nächsten Hochzeitsgesellschaft, die einen Tanz aufführt. Und von Schmuckverkäufern, Raubvogel-Dresseuren und missgebildeten Bettlern, die auf Touristen warten. Es wuselt, überall sind Menschen. Eine verwirrende Mischung. Am nächsten Tag fahren wir von Sanaa aus ins Gebirge. Auf dem Weg erleben wir einen Wochenmarkt in Bani Mansur und sind bald die einzigen Touristen weit und breit. Es ist der Tag, an dem ich denke: „Der Jemen ist braun“. Lehmbraun, ockerbraun, sandbraun, erdbraun, rotbraun, schwarzbraun, beigebraun, steinbraun – braun in allen Schattierungen, die man sich nur vorstellen kann. Häuser, Berge, Ebenen – alles ist wie ein braunes Gemälde. Und ermüdet doch das Auge nicht. Unser Fahrer treibt den Geländewagen immer weiter die bis über 3.000 Meter hohen Berge hinauf und missachtet dabei jede Sicherheitsregel. Er überholt direkt vor Kurven und gerne dort, wo er überhaupt nichts sehen kann. Wir bitten ihn, etwas defensiver zu fahren, was er zwar nicht verstehen kann, dann aber doch macht. Der Erwerb des Führerscheins, erklärt er uns fröhlich, geht im Jemen recht unkompliziert vonstatten. Man beantragt ihn einfach und holt ihn dann ab – ohne praktische Fahrprüfung. Jetzt wird uns einiges klar. Wieder zurück in Sana’a lernen wir in einem Tee-Haus Markus Hedrich kennen. Der 32-jährige Darmstädter ist als Architekt angestellt und mit dem Bau von Lagerhallen und Büros in Sana’a beschäftigt. Auf unsere Frage, ob er sich nicht manchmal einsam fühle, antwortet er: „Es geht eigentlich gar nicht, keine Kontakte zu schließen. Die Menschen legen eine beeindruckende Offenheit an den Tag, auch Fremden gegenüber.“ Mit Gesprächen über Religion und Politik solle man freilich ein wenig warten, bis man sich besser kenne. Seine Schwester Diana lebt sogar noch länger hier. Vor fünf Jahren für den Deutschen Entwicklungsdienst in den Jemen gekommen, hat sie inzwischen viele Freundschaften geschlossen. Und im letzten Jahr sogar einen Jemeniten geheiratet. Wir stellen wieder die Frage, die uns immer noch beschäftigt: Wie finden es die Jemeniten, wenn Touristinnen Kopftücher tragen? „Ich habe das nie gemacht, es wird auch nicht verlangt. Aber wenn jemand das tut, glaube ich nicht, dass es ihm negativ ausgelegt wird.“

Anreise: Yemenia Airways fliegt dreimal wöchentlich von Frankfurt nach Sanaa.

Reisezeit: Weil der Sommer oft heiß und staubig ist, eignen sich vor allem Oktober und November für einen Jemen-Besuch.

Unterkunft: Hotel heißt im Jemen „Funduk“ – egal ob es sich um ein 5-Sterne-Haus oder ein Matratzenlager handelt. Charmante Unterkunft in Sanaa ist das „Burj Alsalam Hotel“, P.O. Bos (2898), Tel.: +967/1/483333, www.burjalsalam.com. Oder das „Dawood Hotel“, Dawood Quarter, Tel.: +967/1/287270, dawoodhotel@yahoo.com. In Seyun (auch geeignet für Ausflüge nach Shibam): Al Hawta Palace Hotel, P.O. Box 9299, Seyun, Jemen, Tel.: +967/5/425010, alhawta@universalyemen.com.

Literatur: Gerd Simper und Petra Brixel, „Jemen“, Reise Know-How Verlag, 23,50 € (viele gute Infos und Adressen). Wolfgang Seitz, „Reise durch den Jemen“, Stürtz Verlag, 16,95 € (eindrucksvoller Bildband). Carmen Rohrbach, „Im Reich der Königin von Saba“, Frederking & Thaler, 11 € (Erzählung eines großen Abenteuers). Gudrun Orth, „Qat, Koran, Kalaschnikow“, Books on Demand GmbH, 15,50 € (Tagebuchnotizen einer Lehrerin, die drei Jahre lang im Jemen gelebt und gearbeitet hat). Karte: Jemen 1:850.000, Reise Know-How, 8,90 €.

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