Indien für Anfänger ← 8. November 2011

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„Masala Highway – Abenteuer Alltag in Indien“ von Gabriel A. Neumann ist gut recherchiert, spannend geschrieben und schont seine Leser nicht

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„Die erste Leiche, die ich in meinem Leben sah, war ein aufgedunsener Männerkörper im Ganges, ein Toter, dessen Familie wohl nicht genug Geld für eine Feuerbestattung hatte aufbringen können…“, beschreibt Gabriel A. Neumann auf der dritten Seite seines Buchs „Masala Highway – Abenteuer Alltag in Indien“. Der Heidelberger Journalist reist seit 15 Jahren in den Subkontinent, hat bereits an mehreren Reiseführern mitgearbeitet und nun seine Indienerfahrungen aus anderthalb Jahrzehnten erstmals in einem erzählerischen Reiseroman zusammengefasst. Neumann erzählt vom Leben der Maharadschas im 21. Jahrhundert, den letzten Hippies auf Goa, von Bauern, PC-Experten und filmbegeisterten Rikscha-Fahrern. Fazit: Auf die Fülle der Eindrücke in Indien könne sich niemand vorbereiten, aber, so meint Neumann, alleine das Wissen darum könne einem vor Ort helfen.

Der Leser erfährt locker flockig wie Neumann am Bahnhof „irgendwo in Maharashtra“ stundenlang auf den nächsten Zug nach Nagpur wartet, sich dabei mit dem dicklichen „Stationskönigs“ unterhält und wie unterschiedlich dabei das Zeitgefühl eines westlichen Touristen und eines Inders ausfallen. Warum ist ein Zugticket aus dem normalen Fahrkartenkontingent besser als ein Touri-Ticket? Die Antwort: Der Reisende landet nicht im selben Abteil wie alle anderen Ausländer. Auch beschreibt Gabriel, warum er sich – entgegen anders lautender Empfehlungen – dafür entschieden hat, bettelnden Kindern zehn Rupien (= 20 Eurocent) zu geben. Ein Kapitel widmet der Autor dem indischen Essen, mit all seinen Leckereien und Tücken, die nicht sofort identifizierte Chilisaucen bringen können. In einem anderen erklärt er den Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe, der Mitgift („Dowry“), die jedes Mädchen in die Ehe einbringen muss, und einem Projekt, das junge Frauen zu Näherinnen ausbildet.

Zum einen sind es die stets akribisch im Stil eines Reisejournalisten beschriebenen unbeschwerten Alltagsszenen, die sich als Vorbereitung für Indienreisende und -interessierte eignen. Zudem erfährt der Leser in einer sehr komprimierten Form, wo die Schwierigkeiten des mittlerweile 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Landes liegen: Korruption, Kindersterblichkeit, Kastendenken – Probleme, die einander begünstigen. Die Schilderung von „sehr dreckigen“ Kinder, die mit einem „feuchten Lumpen, der so schwarz wie der Belag ist“ über Flächen wischen, um sich ein paar Rupien zu verdienen, oder die Szene, in der ein „Typ im Businesshemd“ einen „Viertel Liter Blut“ ausspuckt (eigentlich ist es nur Paan, eine Art Kautabak, serviert auf einem Betelblatt) , lassen erahnen, wie unterschiedlich das Lesen über ein Land und das Erleben vor Ort sind.

Neumann selbst hat bereits vor seiner ersten Indienreise 1996 als Student der Südostasien- und Medizingeschichte in Heidelberg ein Jahr lang Hindi gebüffelt, die Sprache, die in Nordindien am meisten verbreitet ist, und sich mit Geschichte und Kultur des Landes beschäftigt. Trotzdem erinnert sich der 38-jährige noch genau, dass er während eines ersten Flugs nach Indien sehr nervös war: „Ich habe mich gefragt, ob ich mit den Menschen dort klar komme, und die mit mir.“ Nach geschätzten sieben bis acht meist zweimonatigen Indienreisen weiß er, dass es für ihn dort „ganz wunderbar“ ist, vorausgesetzt, er passt sich während seiner Recherchereisen dem indischen Zeitgefühl an. „Häufig war ich während der ersten ein bis zwei Wochen gestresst, weil ich unglaublich bemüht war meine Zeitpläne einzuhalten.“ Er rät Reisenden sich auf das Tempo des Landes einzulassen und Vorhaben nicht unbedingt eins zu eins umsetzen zu wollen. Sein Reisetipp für Indienanfänger: Rajasthan in Nordindien, „weil es dort aussieht, wie sich viele Indien vorstellen“, oder eine Hausboottour auf dem natürlichen Kanalsystem des südindischen Kerala.

„Masala Highway – Abenteuer Alltag in Indien“, Preis 14,50 Euro, ISBN 978-3-940855-18-3, 173 Seiten, 1. Auflage 2010, Dryas Verlag, Frankfurt

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