Auf Künstlers Spuren in Deutschland ← 13. September 2011

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Die Namen klingen nach Kunst: Worpswede und Ahrenshoop. Als die Maler die stillen Örtchen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten und dort ihre Künstlerkolonien einrichteten, gab es dort nicht viel mehr als dörfliche Idylle und einzigartiges Licht. Heute ziehen die einstigen Rückzugsorte Touristen in Scharen an. Wohl kaum eine andere Gemeinde auf der Welt verfügt – statistisch betrachtet – über so viele Galerien pro Einwohner wie das Dorf Ahrenshoop. Weniger bekannt ist, dass etwa der deutsch-amerikanische Maler und Bauhaus-Lehrer Lyonel Feininger viele seiner Motive auf der Insel Usedom und im Weimarer Land fand. Oder dass das literarische Hauptwerk von Uwe Johnson „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ im Klützer Winkel an der mecklenburgischen Westküste spielt.

Die Klützer Hauptstraße

Vielleicht empfand der Schriftsteller Uwe Johnson (1934 bis 1984) während einer Durchreise Klütz und den Klützer Winkel als typisch für die mecklenburgische Kultur: Eine hügelige Landschaft mit Steilküste breitet sich auf einer Art Halbinsel zwischen der Lübecker und der Wismarer Bucht aus, ungefähr so groß wie das Areal, das man von der Spitze des Klützer Kirchturmes aus überblicken kann. Im Mai blendet gelb die Rapsblüte, stecken die Kastanien ihre Kerzen auf, im Juli strahlt das golden gereifte Getreide. Der Klützer Winkel ist eine Kornkammer in Mecklenburg, einst Rittergutsland, dann Grenzland, heute eine stille Oase an der sonst so trubeligen Ostseeküste. Möglicherweise hat Johnson das von Ackerbürgern und roten Backsteingebäuden geprägte Städtchen genau deshalb zum Vorbild für den Mikrokosmos Jerichow in den „Jahrestagen“ gewählt. Sicher ist nur, dass er nie in Klütz gelebt hat und selbst ein Aufenthalt ist nicht gewiss. Die Akribie, mit der der „Dichter beider Deutschland“ Daten und Fakten gesammelt und dann kunstvoll mit Erdachtem verwoben hat, spricht allerdings für Klütz. Seit einigen Jahren gibt es daher in einem alten Getreidespeicher das Uwe-Johnson-Literaturhaus mit einer Ausstellung, die der Detailverliebtheit des Autors in nichts nachsteht. Zwischen März und Oktober nehmen die Mitglieder des Fördervereins Interessierte mit auf einen Stadtrundgang, um die Spuren von Gesine Cresspahl aufzunehmen.

Die Dorfkirche von Benz ist der Startpunkt der Usedomer Feininger-Tour

Die Pfade Lyonel Feiningers (1887-1956) entdeckt man am besten wie er: mit dem Fahrrad. Stets besaß der Maler die neuesten Sporträder, Tausende Kilometer soll er im Jahr gefahren sein. Unterwegs füllte sich sein Skizzenblock mit seinen berühmten Natur-Notizen, mit Ansichten alter Scheunen, knorriger Alleebäume, weiter Ackerflächen, erhabener Kirchen oder pompöser Villen. Mit diesen Skizzen ist Feininger zugleich Chronist seiner Zeit geworden. Denn in ihrer Detailliertheit und Wiederholung über die Jahre geben sie auch heute einen Einblick in das Leben der damaligen Zeit. Die Natur-Notizen waren für den Künstler noch wertvolle Erinnerungshilfe, als er – in Deutschland als „entartet“ verfehmt – längst zurück in den USA war. Viele seiner damaligen Malorte lassen sich zumindest erahnen, manche genau so besichtigen wie zu Lebzeiten des Künstlers. Über die Insel Usedom führt ein rund 40 Kilometer langer Radweg, durch das Weimarer Land ein etwa 30 Kilometer langer Rundweg. Die Orte, an denen Feininger das jeweilige Motiv fand, sind gekennzeichnet – auf Usedom gar mit der richtigen Blickachse. Die umfangreichste Sammlung Feiningerscher Holzschnitte in Deutschland findet sich übrigens nur 200 Kilometer nördlich von Weimar: in der Lyonel-Feininger-Galerie zu Quedlinburg.

Über das heutige  Leben in der Künstlerkolonie Ahrenshoop berichtet ein interessanter Artikel auf Spiegel Online.

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